48 Stunden Ankara, 14.04.-16.04.2014

 

Istanbul ist die Metropole der Türkei in jeder Hinsicht, auch beliebt bei den Touristen und auf diese eingestellt. Izmir, die drittgrößte Stadt des Landes, liegt direkt an der Agäis und wird daher auch oft von Touristen auf der Durchreise zu den griechischen Inseln oder Ephesus besucht. Ankara dagegen kann mit keiner dieser beiden Städte mithalten. Diese Stadt hatte vor etwas mehr als 90 Jahren noch einen anderen Namen und war eine kleine Provinzstadt in Anatolien. Tourismus spielte hier nie eine Rolle und wird es auch kaum je spielen. Die Stadt wuchs in den letzten Jahrzehnten auf das Vielfache ihrer historischen Größe, oft lief dieser Boom nicht in gelenkten Bahnen und entsprechend wirkt das Stadtbild. Die Altstadt besteht aus dem alten Angora, so hieß die Stadt früher, genannt Ulus, gekrönt durch seine Burg. Eigentlich alles da für einen hübschen Stadtbummel, sollte man meinen. Aber der Basar wirkt schmuddelig, genauso wie die Straßen darum herum. Mitten in der Altstadt liegt ein kleines römisches Theater, dies ist aber in keiner Weise für Besichtigungen her gerichtet und direkt daneben klafft eine riesige Baulücke, welche von zwei oder drei abbruchreifen Häusern garniert wird. Einen Block weiter entstand ein auf den ersten Blick nettes Viertel, welches wie eine arabische Stadt in Andalusien wirkt. Aber auf den zweiten Blick bemerkt man dies ist alles neu gebaut, ohne irgendeinen historischen Bezug. Da tritt man am besten die Flucht nach oben, in die Burg, an. Doch kaum hat man deren Befestigungsmauern durchschritten erwartet einen eben keine attraktive Sehenswürdigkeit, sondern ein Slum. Mitten im Zentrum der türkischen Hauptstadt, von Blicken durch die Burgmauer geschützt, liegt ein Slum welcher trostloser als viele verlorene Dörfer in Ostanatolien ist. Keine asphaltierten Straßen mehr, die Häuser scheinen durch einen kleinen Luftzug einzufallen, Hühner laufen frei herum. Flieht man in die Neustadt Kizilay so befindet man sich zwar in einem recht ordentlichen Viertel, dies sieht aber aus wie jedes andere moderne Stadtviertel auf diesem Planeten.

Viele Slums von Ankara wurden in den letzten Jahren platt gemacht und durch gesichtslose Einheitsbauten ersetzt. Den ehemaligen Bewohnern der Slums wurde im Gegenzug zu deren freiwilligen Auszug aus dem Slum eine kostenfreie Wohnung im neuen Block angeboten. Da dort allerdings viel mehr Menschen Platz finden als im alten Slum und daher viele Wohnungen verkauft werden können ein lohnendes Geschäft für die Baukonzerne, welche sich diese lukrativen Aufträge durch Schmiergeldzahlungen an Erdogan erkaufen. Erdogan dagegen sichert sich mit diesem Vorgehen die treue Unterstützung der ehemaligen Slumbewohner, welche ihm nie vergessen werden das er ihnen eine bessere Unterkunft zum Nulltarif besorgt hatte. So schließt sich ein Kreislauf, welcher auf den ersten Blick nur Gewinner kennt. Nur die Demokratie gehört nicht dazu.

Gleich beim Eintreffen auf dem Bahnsteig in Ankara kommen mir als Stuttgarter heimelige Gefühle, welche allerdings tragischen Charakter haben. Obwohl Ankara nur über einen Durchgangsbahnhof verfügt erinnert dessen Bahnsteigbedachung unglaublich stark an die des Stuttgarter Kopfbahnhofes, welche nun aber von der DB weitgehend verstümmelt wurde. Es ist wohl trotzdem nur ein Zufall das hier der berühmte Architekt Paul Bonatz (Erbauer des Kopfbahnhofs in Stuttgart) auf Flucht vor den Nazis in den Jahren 1943 bis 1946 als Berater des türkischen Kulturministeriums weilte und er auch der Baumeister des Opernhauses in Ankara wurde. Da dieses Opernhaus von keinen Umbau- oder Abrissplänen bedroht ist und noch immer in seiner Ursprungsfunktion genutzt wird muss man wohl sagen das man den Werken von Bonatz in der Ferne, hier in Ankara, mehr Respekt entgegen bringt als in Stuttgart, wo er doch gerade für diese Stadt so viel prägendes geleistet hat, weit über den Bahnhofsbau hinaus. Aber so sehr sich gewisse verantwortungslose Manager auch bemühen, sie werden es nicht schaffen das Andenken dieses Mannes in der GRUBE verschwinden zu lassen!

In Ankara treffe ich nicht wenige Leute. Zum einen Merve, eine junge und engagierte Türkin, welche das Glück hat über einen guten Job zu verfügen. Leider erfüllt dieser sie als Mensch nicht vollkommen und so engagiert sie sich politisch in der CHP. CHP, das ist nicht zufällig die California highway patrol, nein, das ist die kemalistisch-sozialistische Partei in der Türkei, welche seit Jahren die Oppositionsbänke drückt. Obwohl Erdogan durch vorher bereits dargelegte Umstände durchaus Schwächen zeigte war die CHP nicht willens und in der Lage daraus eine ordentliche Kampagne zu machen. Die Straße war da durchaus weiter. So fand sich Merve in den letzten Monaten oft in den Reihen der Demonstranten wieder und ist glücklich immer wieder gesund und unerkannt nach Hause zurück gekommen zu sein. Dann treffen zwei Tramper, welche sich in Wien gemeinsam auf den Weg machten um möglichst in zwei Wochen den Iran per Anhalter zu erreichen, sich allerdings ohne Visum auf den Weg machten und auch sonst die Vorbereitung auf das Reiseziel erst auf dem Weg dorthin durchführen. Und hier kommt Masoud ins Spiel, ein aus Tehran stammender junger Iraner, welcher seit einiger Zeit in Ankara arbeitet und dort systematisch die Reiseforen durchforstet um Reisende auf dem Weg in seine Heimat abzufangen um sie mit letzten Informationen zu versorgen. Er ist sichtlich stolz über jede Person, deren Weg er in sein Heimatland hat ebnen können.

Alles in allem sind 48 Stunden für die türkische Hauptstadt ein passender Zeitrahmen.

 

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