25.04.-28.04.2014, Abstecher in den Norden nach Mazandaran

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Tehran liegt auf den ersten Blick zumindest nach Luftlinie nicht weit vom Kaspischen Meer entfernt. Liegt die Stadt auf ca. 1.500 Höhenmetern geht es direkt hinter dem letzten Haus steil hinauf, der höchste Berg Irans liegt mit fast 6.000 Höhenmetern nicht weit entfernt. Das Kaspische Meer hingegen liegt knapp 30 Meter unter Normalnull. Damit tut sich von den Bergen ein gewaltiges Gefälle auf und zwischen der feuchten, niederschlagsreichen Luft im Norden und der wüstenhaften Ebene von Tehran, da wirken die Berge wie ein unüberwindbares Hindernis als Wetterscheide. Auch für die Eisenbahn war dies eine große Herausforderung. Man hätte viele Städte im Iran viel einfacher per Bahn an die Hauptstadt anbinden können als den Norden, da die zu dieser Zeit herrschende Schahdynastie aber aus der kaspischen Provinz Manzandaran stammt wurde der Nordbahn Priorität eingeräumt. Hierzu wurde das Fachwissen von Ingenieuren aus Österreich und Deutschland hinzu gezogen. Heute zählt diese Bahnlinie zu den landschaftlich Attraktivsten des ganzen Landes. Der gesamte Gebirgsabschnitt wird aber nur von einem einzigen Zug komplett bei Tageslicht abgefahren und dies ist der tägliche Zug ab Tehran um acht Uhr nach Sari, der Provinzhauptstadt von Manzandaran. Selbst der Gegenzug verkehrt teilweise bis tief in die Nacht hinein und Züge in das noch weiter östlich gelegene Gorgan verkehren grundsätzlich nur über Nacht.

Der Fuhrpark der iranischen Eisenbahnen ist ein Sammelsurium an bei europäischen Bahnen ausgemusterten Material, welches aber meist gut gepflegt wird und daher angenehm für die Kundschaft ist. Sehr häufig kann man Silberlinge von DB-Regio finden, welche meist in ihren roten Originalfarben belassen wurden, teilweise fahren sie sogar noch mit Logo der DB und der deutschen Originalbeschriftung, welche einen Zustieg nur mit Fahrschein gestattet oder ansonsten ein erhöhtes Beförderungsentgelt von EUR 40 androht. Auch alte französische Corailwagen kann ich leichten Auges identifizieren. Die Fahrt nach Norden führt zunächst gemeinsam mit der wichtigsten Bahnlinie des Landes ins 1.000 Kilometer entfernte Mashhad, welche durchgehend doppelspurig ist, nach Osten und südlich der Bergkette. Die Berge sind hier reinste Wüstenberge und einige Felsformationen erinnern an den Uluru in Australien. Dann zweigt die eigentliche Transalborzbahn nach Norden ab und steigt nur zaghaft an indem sie einem sehr trockenen Tal folgt. Langsam wird der Talboden ein wenig grüner, die Felshänge dagegen bleiben wüst und wirken wie der Wilde Westen, die trockenen Felsformationen in den südlichen Rockies. Fehlen eigentlich nur noch die Indianer und die Täuschung wäre perfekt. Kurz bevor der Scheitelpunkt der Strecke erreicht ist wird eine zweite Diesellok vorgespannt, welche hier wohl als zusätzliche Bremsleistung gebraucht wird. Direkt nachdem der Scheiteltunnel durchquert ist tun sich Abgründe auf. Das Tal verschwindet nördlich tief unten im Dunst, man kann noch nicht erkennen wie weit es eigentlich runter gehen muss. Die Landschaft ist nun etwas grüner, aber die Vegetation nimmt nun mit jedem Kilometer sprunghaft zu. Die Bahnlinie schlängelt sich ähnlich wie die Gotthardbahn den Berg hinunter, oft sieht man unter sich den weiteren Gleisverlauf gleich zweimal. Einmal die Schleife wieder zurück nach Süden, dann nach der erneuten Kehre wieder in die eigentliche Fahrtrichtung. Viele Viadukte und Tunnel säumen die Strecke und die Abfahrt will kein Ende nehmen. Der Höhepunkt ist die plötzliche Überquerung des Vereskviaduktes direkt nach dem Verlassen eines Tunnels. Aber Minuten später fährt der Zug direkt unter diesem Viadukt entlang und man kann es nochmals eingehend Betrachten. Erbaut wurde dieses tollkühne Viadukt von deutschen und österreichischen Ingenieuren, der Chefplaner Walter Inger wurde wunschgemäß unter dem Viadukt beerdigt. Wenn man sich das doch sehr langsame Tempo des Zuges im Osten der Türkei nochmals erinnert so stürzt sich dieser Zug mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit hinunter ins Tal. Oft ist mir ein wenig bange und ich hätte gegen etwas weniger Tempo nichts einzuwenden, denn die Abgründe über denen der Zug oft schwebt sind nichts für softe Reisende. Da der Zug nicht komplett ausgelastet ist habe ich gegen Ende der Reise ein komplettes Abteil für mich, zwischenzeitlich hat sich aber im ganzen Wagen bereits herum gesprochen das ein Deutscher an Bord ist. Also etwas Besonderes, das man unbedingt gesehen oder gar gesprochen haben muss. So bildet sich vor meinem Abteil eine Schlange vieler junger Iraner, welche darauf warten bis Platz frei wird um mit mir ihren kargen Wortschatz in Englisch auszutauschen. Häufig geht es im Fußball, die Iraner zeigen sich als Kenner der Bundesliga. Mir kommt es so vor als wenn ich nun Audienzen geben muss, aber einmal im Leben ist so was vielleicht auch mal ein interessantes Gefühl. Als die Landschaft und ihre Wälder bereits einer Mischung aus Schwarzwald und Schwäbischer Alb entspricht wird die zweite Lok wieder abgespannt um auf die nächsten Bergfahrt zu warten. Nun tun sich am Talgrund viele Reisfelder auf. Die Ebene am Kaspischen Meer ist eine der wenigen Regionen Irans welche über ausreichend Wasser und Niederschlag verfügen um Reis anzubauen. Nachdem der Zug soviele Höhenmeter runter schraubte das man den Überblick verlor wird letztendlich die kaspische Ebene erreicht und bald darauf auch die Endstation Sari, welche sogar mit Verfrühung erreicht wird.

In Sari werde ich erwartet von Jafar und seiner Familie. Ich bin nun zu Gast bei einer in religiösen Fragen eher traditionell eingestellten Familie. Kein einziges Mal werde ich die weiblichen Mitglieder ohne Kopftuch zu Gesicht bekommen, auch reichen mir nur die Männer die Hand. Ansonsten sind die Frauen aber nicht ausgeschlossen, sie sitzen mit am Tisch und beteiligen sich am Gespräch wie alle anderen auch. Es fällt auf dass das Kopftuch der Tochter deutlich weiter hinten sitzt als das der Mutter. Der Islam ist ein wichtiger Bestandteil im Leben dieser Familie, welche so auch an die Kinder weiter gegeben wird. Die Gebetszeiten werden ernst genommen, meist wird im eigenen Wohnzimmer gebetet. In allen anderen Fragen ist diese Familie aber sehr modern und zählt eher zur vermögenden Klasse des Landes. Sämtliche Mitglieder wissen wie man die Internetsperren umgeht und sind bei Facebook dabei. Westliche Musik wird ebenso gehört und Tochter Bita hat nicht nur einen Führerschein sondern gleich auch noch ein eigenes Auto. Via Satellit gibt es Zugang zu fast allen Fernsehprogrammen dieser Welt, auch das ZDF wird extra für mich eingeschaltet. Im Fernsehen läuft auch eine Satiresendung über die iranische Politik mit Puppen, welche an unser legendäres „Hurra Deutschland“ erinnern. Aber man sagt mir das dieser Sender von außerhalb der Landesgrenzen senden müsse. Aber eben auch gut gläubige Moslems lachen über die Mullahs an der Staatsspitze. Auch zeichnet sich diese Familie durch ein großes Interesse am christlichen Glauben aus. Nicht weil man Konvertieren wollte, sondern einfach weil beide Religionen an den gleichen Gott glauben und man sich daher verbunden fühlt. Für mich beginnt nun ein Traum von echter islamischer-iranischer Gastfreundschaft, für drei Tage bin ich das Zentrum um das sich alles dreht. Der Gast ist ein Geschenk des Himmels laut dem Koran und gerade dies wird von Jafar und seiner Familie sehr ernst genommen. Und erst das Essen, echte iranische Hausmannskost. Es erwartet mich echter persischer Reis mit Kruste, Thadig. Hierzu muss ich eine Geschichte erzählen. Mein Onkel hat ein bewegendes Berufsleben mit vielen Aufenthalten im fernen Ausland hinter sich gebracht. Gegen Ende der Siebziger wurde er von seinem Arbeitgeber nach Tehran entsandt, dort kam auch meine Cousine zur Welt. Dieser Aufenthalt musste durch die Revolution Ende 78 überraschend abgebrochen werden, aber meine Tante brachte einige Mitbringsel zurück nach Deutschland, darunter auch einen Polopaz, in welchem der Reis im Backofen zum Thadig gebacken wird. Diese beiden Worte waren mir damals in keinster Weise geläufig, erst kürzlich in Berlin habe ich sie auf der ITB erfahren („Das iranische Berlin und die ITB“), aber immer wenn es zu Besuch bei Tante Heidi und Onkel Helmut ging freute ich mich auf diesen ganz speziellen Reis, den es so nur hier gab. Dann kam ein schwarzer Tag in meinem Leben, der Polopaz ging in Bruch. Seither sind mindestens 20 Jahre vergangen, aber niemals konnte ich diesen Krustenreis wieder vergessen. Und nun, ohne zu wissen welche emotionale Kindheitsgeschichte mich mit diesem Reis verbindet, steht er im Haus von Jafar vor mir auf dem Tisch. Da kommen mir fast die Tränen.

Mein größter Wunsch ist einmal das Kaspische Meer zu sehen. Bis dahin sind es von Sari noch ca. 20 Kilometer. Das Kaspische Meer hat definitiv die Ausmaße eines Meeres und wirkt an seiner Südküste sogar eher wie ein Ozean. Trotzdem ist es nach Definition eigentlich der größte Binnensee der Welt, da es über keinerlei Abflüsse oder Verbindungen zu anderen Meeren verfügt. 80% seines Wassers stammen aus der Wolga, welche in diesem Gewässer ihr Ende findet. Der teilweise nur 50 Km weiter westlich fließende Don endet dagegen bereits im Schwarzen Meer. Das Kaspische Meer verfügt nur über einen Salzgehalt von ca. einem Drittel des in den Weltmeeren üblichen Niveaus. Es ist also ein halber Süßwassersee, was für eine interessante Variation an Fischen sorgt. Ich traue mich mit den Füßen ins Wasser hinein zu waten und finde zwar noch keine ideale Badetemperatur vor, aber kalt ist es auch nicht. Leider dauert mein bislang einziger Aufenthalt an diesem Meer nur wenige Minuten, da Jafar noch ein großes Besichtigungsprogramm mit mir absolvieren will.

Zu guter Letzt steht noch ein Ausflug in die hohe Bergwelt an, in ein einsames Bergdorf dessen Zufahrtsstraße bislang noch nicht asphaltiert wurde. Dort oben lebt der Opa, den ich auch kennen lernen soll. Er ist fast 80 Jahre alt und ein lustiger, zugleich geistig fitter Kerl. Es macht Spaß mit ihm per Hand und Gestik zu kommunizieren. Er ist sichtlich erfreut Bilder aus Deutschland zu sehen. Obwohl alle vorbildlich gläubige Moslems sind kann ich hier keine Freunde und Unterstützer für die Islamische Republik finden. Alle reden sie eher positiv vom Schah, dessen Zeiten sie alle persönlich noch erlebten. Leider blieb diesen Männern auch ein Einsatz im Krieg gegen den Irak nicht erspart. Der Opa hat aus diesem Krieg ganz ähnliche Verletzungen erlitten wie mein eigener Opa im zweiten Weltkrieg, er ist nun, im hohen Alter, auch ähnlich geistig wach und zum Scherzen aufgelegt wie es mein eigener Opa war. Als ich dem Opa Bilder aus Tehran zeige bemängelt er allerdings wie schlecht, oder teilweise gar nicht, die Frauen dort ihr Haar bedecken. Nicht mit böser Stimme, es klingt eher traurig-resignierend. Er weiß er kann das Rad der Zeit nicht mehr zurück drehen und das Tehran kaum eine besonders islamische Stadt mehr werden wird. Die modernen Trends an offenen Kleidungsstilen, welcher hier in den letzten Jahren gesetzt wurden, werden sich die Frauen nicht mehr nehmen lassen. Und es ist zu bezweifeln das die Machthaber es versuchen und dabei riskieren das sich die Aufstände von 2009 wiederholen. Man ist derzeit eher froh das man noch immer an den Pfründen der Macht sitzt und vor allen islamischen Sittengesetzen ist es wichtiger dass dies so bleibt. Ich dagegen bekam durch diesen Besuch in den Bergen einen unvergleichlich tiefen Einblick in den Iran, wie ihn kaum einem fremden Besucher gewährt wird.

 

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Ein Gedanke zu “25.04.-28.04.2014, Abstecher in den Norden nach Mazandaran

  1. Danke, man bekommt richtig Fernweh durch Deine wunderbaren Schilderungen und Fotos und eine besondere Sympathie für die Menschen in dieser Region. Vielen lieben DANK!

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