Mashhad, die heilige Stadt, 29.04.-02.05.2014

mit studenten an der statue von ferdowsi mashhad ist bekannt fuer sein safran und gewuerze in der eisdiele werde ich sofort in ein gespraech verwickelt im heiligtum des imam reza heiligtum imam reza gemeinsam mit dem iraker welcher im krieg fuer den iran sein leben riskierte gebet im heiligtum der tiefpunkt die fallers im iranischen fernsehen der basar von mashhad blick auf das heiligtum besuch in einer englischklasse

Nach meinem Besuch in der kaspischen Tiefebene mache ich mich per Bahn auf den Weg in die heilige Stadt Mashhad. Züge im Iran müssen per Gesetz zu den Gebetszeiten an einem passenden Bahnhof einen Gebetshalt einlegen, da grundsätzlich jede Station über eine kleine Moschee verfügen muss. Man teilte mir mit das dieses „Angebot“ ca. 20 % aller Reisenden nutzen, der Rest raucht eine Zigarette auf dem Bahnsteig, kauft etwas am Kiosk oder vertritt sich einfach die Beine. In diesem Zug ist es aber genau umgekehrt, ca. 80% aller Reisenden schreiten zum Gebet und der Zug bleibt fast leer zurück. Aber dies darf mich nicht wundern, schließlich geht diese Fahrt in die heilige Stadt Mashhad, welche viele Religiös eingestellte Menschen als Pilger besuchen. Das Eisenbahnwesen im Iran ist eigentlich sehr fortschrittlich, man würde damit sogar die Beitrittskriterien der Europäischen Kommission erfüllen. Vor vielen Jahren wurde die einstige universelle Bahngesellschaft aufgeteilt und den Personenverkehr übernahm Raja, noch immer als alleiniger Betreiber und komplett in staatlichem Besitz. Vor ca. einem Jahr wurde diese Staatsbeteiligung aber aufgelöst und der Markt für die Konkurrenz freigegeben. Heute tummeln sich ca. 11 Unternehmen auf dem Markt, die da neben Raja heißen Vania Rail und Rail Seir Kosar, es werden aber kaum überschneidende Verbindungen angeboten. In Sachen Leistung und Service gibt es wenig Unterschiede. Aber, in Deutschland undenkbar, es gibt ein einheitliches Ticket- und Buchungssystem und alle Anbieter nutzen nicht nur, zwangsweise, dieselbe Infrastruktur, auch der Fuhrpark an Loks und an Wartungseinrichtungen wird gemeinsam genutzt.

Mashhad ist zunächst einmal die zweitgrößte Stadt des Landes mit ca. 4 Millionen Einwohnern. Sie liegt weit im Osten, es sind max. 100 Km bis Turkmenistan und ca. 200 Km bis Afghanistan. Bekannt für seine guten Lebensmittel und hier wird auch Coca-Cola und Pepsi für den Iran hergestellt. Aber Mashhad ist für seine Besucher vor allem der heilige Schrein. Um diesen heiligen Bezirk herum werden viele Geschäfte gemacht, da viele Pilger eben auch Souvenirs haben möchten. Es gibt im ganzen Iran keine weitere heilige islamische Stätte welche den Stellenwert von Mashhad übersteigt. So ist diese Stadt eine Art Klein-Mekka für Iraner. Aber im Gegensatz zu Mekka ist der Zutritt für nicht-Muslime gestattet, lediglich die innersten Bereiche des heiligen Bezirks sind offiziell nur für Muslime reserviert. Aber es ist ein offenes Geheimnis das sich viele westliche Touristen, genauso wie ich, unter Iraner mischen und mit deren Mithilfe durch die Eingangskontrollen kommen und welche dann ihre Hand an den heiligen Schrein legen können. Und wenn man davon den Menschen in Mashhad erzählt so erntet man Lachen oder sogar Respekt. Wie es einem ergehen würde man sich als nicht-Moslem nach Mekka (allein nur in die Stadt, nicht in den heiligen Bezirk) schleichen würde, kann ich nicht ganz bewerten, aber Gefängnis wäre sehr wahrscheinlich.

Der Islam ist im Iran eben grundsätzlich anders als in Saudi-Arabien. Das alte Persien war bereits seit Jahrtausenden eine hoch geachtete Weltmacht mit hoher Kultur, da Bestand ganz Arabien noch aus ein paar Nomaden und Kamelzüchtern. Und diese waren unter sich spinnefeind, unfähig etwas gemeinsames auf die Beine zu stellen. Kultur auf tiefstem Niveau. Dann begann ein Mann auf einmal einen der vielen zu dieser Zeit angebeteten Götter als den einzig wahren zu bezeichnen und setzte sich schließlich damit durch. Damit war der Islam entstanden, aber eigentlich nicht als Religion, sondern als Machtinstrument. Auf einmal arbeiteten die vielen Clans nicht mehr gegen- sondern miteinander und sie waren in sich moralisch so stark das sie innerhalb von nur hundert Jahren alle Länder zwischen Spanien und Persien eroberten und ihnen ihre Religion aufzwangen. Darunter waren, wie mit Ägypten und Persien, viel höher stehende Kulturen, welche nun auf einmal durch ein aus dem Nichts hervor stechenden Nomadenvolk unterworfen wurden. Hier muss jedem Klar werden das es bei Religionen eben nicht um Seelenheil, sondern um Einigkeit und Macht geht. Persien widerstand, im Gegensatz zu vielen anderen unterworfenen Ländern, aber der Arabisierung und bald fingen die Araber wieder zu streiten an und die Herrschaft über die neue Religion entglitt ihnen. Am bisher längsten wurde diese vom Sultan der Osmanen gehalten, welcher eben kein Araber war. Aber zwischen den Moslems auf der arabischen Halbinsel und denen östlich des Golfes brach relativ schnell ein Streit über die „wahre“ Nachfolge des Propheten aus. Während die Araber sich nur auf die Schrift, den Koran, konzentrieren wollen und die Führung der beste Schriftgelehrte inne haben soll verfocht man in Persien das Gebot der Blutsverwandtschaft mit dem Propheten. Dieser Konflikt wurde bald unüberwindbar und als Folge sind die Moslems bis heute gespalten. Die Araber lehren die reine Lehre der Schrift, sie sind Sunniten. Die Perser bestehen noch immer auf die Blutsabstammung und sie sind folglich Schiiten. In der Folge sind die beiden Führungsmächte dieser beiden islamischen Strömungen, Saudi-Arabien und der Iran, sich heute gegenseitig der größte Feind.

Nach Meinung der Schiiten ging die Führung über den Islam nach dem Tode Mohammeds auf einen engen Blutsverwandten über, den ersten Imam. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte gab es insgesamt elf dieser Imame, nicht wenige wurden von den Sunniten umgebracht und werden daher heute von den Schiiten als Märtyrer angebetet. Der elfte Imam verstarb ohne einen direkten Nachfahren zu haben. Aber nach der Mystik der Schiiten hatte er doch einen geheimen, im Unbekannten wirkenden Sohn, den sog. zwölften Imam. Dieser hält sich nach Glaubensüberlieferung derzeit irgendwo im Universum verborgen, dieser Zustand hält bereits seit ca. 800 Jahren an. In Mashhad liegt der einziger dieser elf Imame begraben, der achte Imam Reza, dessen Grabesstätte sich im heutigen Iran befindet. Sämtliche weiteren Imame fanden ihre Grabstätte außerhalb des Irans. Darunter ist z.B. das irakische Kerbala mit Imam Hossein, welches wir in den letzten Jahren oft in den Nachrichten als Ort des Terrors genannt bekamen. Im Irak tobt der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten auf gewaltsame Art und viele Sunniten nutzen die Möglichkeit ihre Feinde beim Pilgern zu treffen.

Der Unterschied zwischen Schiiten und Sunniten in der Art wie der Glaube gelebt und begangen wird, auf einfache Weise ausgedrückt, ist folgendermaßen: Schiiten gleichen eher den Katholiken und Sunniten den Protestanten. Die Schiiten kennen die Heiligen- und Märtyrerverehrung und es gibt auch Bußprozessionen. Jesus und sogar seine Mutter Maria spielen eine große Rolle. Und der derzeit abwesende Imam hat die Rolle des Papstes inne. Die Verfassung der islamischen Republik gilt nur als „vorübergehend“. Sie verliert ihre volle Wirkung an dem Tag an welchem der zwölfte Imam zurück kehrt und mit diesem Moment geht die volle Staatsgewalt auf ihn über. Sunniten dagegen kennen nur den Koran, Maria ist verpönt und Jesus nur ein Prophet unter vielen. Ihre größte Schwäche ist aber das sie der Meinung sind der Koran sei spätestens zwei Jahrhunderte nach dem Ableben Mohammeds ausreichend und vollständig kommentiert worden und es braucht seither keine neuen Auslegungen mehr. Damit verharrt deren religiöses Weltbild auf dem Stand Karl des Großen. Obwohl viele Länder, wie z.B. Ägypten, früher große Kulturen hatten, tut sich in diesen Ländern seit deren Arabisierung nicht mehr viel. Wann ging der letzte Nobelpreis an einen Sunniten oder in ein sunnitisches Land? Genau da liegt das Problem! Ägypten liefert sich heute lieber einen tödlichen und sinnlosen Streit über die Frage ob nun eher die Moslembrüder oder das Militär das Volk unterdrücken soll und wer damit das Privileg hat der Demokratie keine Chance zu lassen. Bei den Schiiten dagegen gilt die Devise das Wort Gottes darf niemals den Gesetzen der Logik und des Verstandes widersprechen.

Bei den Schiiten gilt, das der Tag, an welchem der zwölfte Imam auf Erden zurück kehrt gleichzeitig auch Jesus Christus auf die Erde zurück kehrt und beide gemeinsam ihr Werk vollenden. Nicht gegeneinander, sondern miteinander! Somit ist der Respekt und die Offenheit gegenüber den Christen bei den Schiiten ungleich stärker vorhanden als bei den Sunniten. Niemals habe ich abfälliges über Christen im Iran vernommen. Man ist vielmehr neugierig, interessiert und verehrt den Papst. Ich habe mit vielen Iranern zwischenzeitlich sehr kontrovers über religiöse Fragen und Bräuche diskutiert und dabei immer wieder auch einige islamische Bräuche in Frage gestellt. In Saudi-Arabien würde man dafür ein Messer in den Bauch gerammt bekommen, in der Türkei würde man auf das Übelste beschimpft werden, im Iran dagegen ergibt sich daraus eine sachliche und interessante Diskussion, bei welcher keiner sich angegriffen oder beleidigt fühlt. Der Islam ist hier zwar wichtig, aber er wird viel lockerer gesehen als in der Türkei oder bei den Arabern. Ich selbst habe gegenüber Religionen aller Art große Vorbehalte und ich habe in noch keinem Land vor dem Iran so viele Leute getroffen welche meine Meinung absolut teilen. Und ich habe auch noch nie so viele Moslems angetroffen welche meinten sie würden durchaus gerne einmal Schweinefleisch probieren. Einfach so, der Neugier folgend.

Osama Bin Laden, Al-Quaida, jede Art uns derzeit bekannter islamischer Terrorismus, aber auch Saddam Hussein sind alle den Sunniten zuzuordnen. Einen schiitischen Terror kann man zwar nicht gänzlich ausschliessen, aber aktenkundig ist er derzeit nicht. Wer über all diese feinen Unterschiede nicht informiert ist und sämtliche Moslems über einen Kamm schert kann bei der negativen Berichterstattung über den Iran nicht anders und unserer Presse auf den Leim gehen. Dort wird suggeriert schlechtes Land weil Moslems an der Regierung beteiligt sind und die „gute“ USA nebst Israel es der „Achse des Bösen“ zugeordnet haben, also stehen die auch mit Al-Quaida unter einer Decke. Das in Wahrheit sich die Menschen nebst der Regierung der islamischen Republik mit Al-Quaida spinnefeind sind und sich die Menschen im Iran von solch einfältigen Terrorakten klar distanzieren, dringt leider erst dann in unser Bewusstsein ein wenn wir beginnen uns in tiefer Kleinarbeit mit den Fakten zu befassen. Vielleicht fällt es manchen Muslimen ebenso schwer die IRA eindeutig entweder dem protestantischen oder dem katholischen Lager zuzuordnen. Für uns ist es dagegen glasklar das eine IRA mit Protestanten niemals etwas am Hut haben würde. Und ganz ähnlich verhält es sich mit der Frage ob Al-Quaida nun dem sunnitischen oder dem schiitischen Lager zuzuordnen ist.

Abgesehen von seinem heiligen Bezirk ist Mashhad einfach eine ganz normale Großstadt wie andere auch. Es gibt viele Universitäten, sportliche Freizeitangebote und viele junge Leute welche einfach mal eine kleine Party mit Alkohol feiern wollen. Und ich erlebte in diesen Tagen noch meinen kulturellen Schock, aber von ganz anderer Natur als gedacht. Als ich zu Gast bei Iranern bin wird das Fernsehen eingeschaltet und es läuft ein iranischer Sender in iranischer Sprache. Aber die Bilder kommen mir auf einmal so vertraut vor, ich habe diese Leute im Fernsehen doch schon einmal gesehen, aber…Nein, das kann und darf einfach nicht sein! Die Fallers! Das Leben und Sterben einer sinnlosen Schwarzwaldfamilie! Flüchtete ich vor dieser schrecklichen Serie des Südwestfernsehens bereits aus Deutschland nach Frankreich so verfolgt sie mich nun bis tief in den Iran hinein. Zwar scheint eine Folge von vor zehn Jahren zu laufen, aber dafür perfekt synchronisiert. Manchmal kann man mit dem Iran schon Mitleid haben. Das war einer dieser Momente. Und dann kommt nochmal so ein Moment, wo ich den Iran stark kritisieren muss. Als ich zu einem Familientreffen eingeladen werde lerne ich einen Iraker kennen, welcher schon lange in die Familie einheiratete und dazu gehört. Als Schiite fühlte er sich unter dem Sunniten Saddam nicht sicher und floh kurz nach der iranischen Revolution in den Iran. Als sein Heimatland bald darauf sein Asylland angriff meldete er sich freiwillig bei der iranischen Armee. Er erlitt einige Verletzungen, lebt seit über 30 Jahren ununterbrochen im Iran, seine Frau ist Iranerin, seine beiden Kinder sind hier geboren. Aber der Iran verweigert ihm nicht nur die Staatsbürgerschaft, er bekommt auch immer nur ein Visum für ein Jahr. Und jedes Jahr muss er sich der Prozedur der Visumverlängerung stellen und die Beamten interessiert es einen Dreck das er sein Leben für ihr Land riskierte. Noch nicht einmal seinen Kinder gewährt man die Staatsbürgerschaft. Geht man so mit einem Menschen um, welcher sich für das Land verdient machte? Ich finde in diesem Punkt: Schande über den Iran! Aber ich muss Imam Reza, dem achten Imam in Mashhad, meinen tiefen Respekt zollen, den es war anscheinend er welcher seinen Jünger auflegte den Gast wie Gott zu behandeln. Somit geht die unglaubliche Gastfreundschaft des Irans womöglich auf diesen Mann zurück und ohne diese Gastfreundschaft wäre meine Reise nicht dieselbe.

 

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