Esfahan, die Hälfte der Welt, 15.-17.05.2014

vomzoratrianischentempelbergaufdiestadt vommeydanaufdiemoschee3 vommeydanaufdiemoschee2 vommeydanaufdiemoschee1 vankkathedrale3 vankkathedrale2 vankkathedrale1 traditionellesrestaurant tempelderzaroastrianer moscheeportal meydanejolfa meydan1 immerwiederkreuzenperserinnendenweg imbasar hofderaltenfreitagsmoschee hauptportalzumbasar glockenturmvankkathedrale gaengeinderfreitagsmoschee diealtefreitagsmoschee2 diealtefreitagsmoschee1 dergluecklichereisendemitdemwodka cafejolfa2 cafejolfa1 bruecke5 bruecke4 bruecke3 bruecke2 bruecke1 blickueberdaschristlicheviertel begegnunginjolfa2 begegnunginjolfa

Der Zug aus Shiraz erreicht Esfahan leider erst kurz vor Mitternacht und der Bahnhof wurde weit vor den Toren der Stadt errichtet. Vermutlich hofft man darauf das Esfahan sich einmal weit bis zum Bahnhof hin ausbreiten kann. Zum Glück habe ich hier eine Verabredung mit Soroush, welcher gerne bereit ist mich auch noch zur später Stunde mit seinem PKW abzuholen. Am nächsten Morgen vernehme ich Glockengeläut einer Kirche. Moment mal! Wir sind hier doch im Iran, oder? Soroush klärt mich auf, wir sind hier im christlichen Viertel südlich des Flusses. Heute leben hier zwar auch Moslems, der Charakter des ganzen Viertels ist aber rein armenisch-christlich geblieben. Vor etwas mehr als 400 Jahren wählten die damaligen Herrscher Esfahan zur Hauptstadt, weil es relativ zentral liegt und somit nicht so einfach von Außen angreifbar war. Um der neuen Hauptstadt zu einem schnellen Aufschwung und Blüte zu verhelfen ließ der Herrscher viele Tausend Armenier, welche im Norden seines Reiches, in Jolfa lebten, nach Esfahan zwangsumsiedeln. Weil Armenier im Ruf standen gute Händler zu sein und eine Stadt um aufzustreben auf einen florierenden Handel angewiesen ist. Den Armeniern wurde eine ganze Vorstadt zugewiesen und ihnen wurde komplette kulturelle und religiöse Autonomie zugesichert. Und das Experiment funktioniert bis heute. Esfahan nahm einen unglaublichen Aufschwung und wurde zu einer der sagenumwobenen Städte des Orients an der Seidenstraße und das Zusammenleben christlicher Armenier und schiitischer Perser klappt bis heute in bester Freundschaft. Der neue Stadtteil wurde Jolfa e Nowe genannt, Neu-Jolfa, als Erinnerung an die alte Heimat. Beim Bau der vielen Kirchen und der Vankkathedrale arbeiteten moslemische und christliche Handwerker zusammen, da diese Kirchen nach Außen wie iranische Moscheen wirken, nur das oben auf der Kuppel eben ein Kreuz angebracht ist. Innen dagegen erblühen viele bunte Bilder mit Bibelmotiven. Es ist ein ungewohntes Gefühl nach ca. sechs Wochen nur in islamischen Ländern wieder in einer christlichen Umgebung zu stehen. Der armenischen Kirche gehören in dieser Ecke der Stadt viele Grundstücke, darunter auch die trendigen Läden und Cafés am Meydan e Jolfa. Auch wenn einige dieser Läden und Cafés heute von Moslems betrieben werden, der Charakter wurde nicht angetastet. Der Meydan e Jolfa ist heute eine angesagte Ecke der Stadt, auch für Moslems. Denn er strahlt im Schatten der Kirchen eine sehr europäische Atmosphäre aus und alles Europäische steht hoch im Kurs. Die Cafés haben ihr Design von Starbucks geklaut und man kann sogar Originalprodukte dieser amerikanischen Kette erwerben. Jolfa e Nowe ist ein lebendiger Beweis der tiefen Freundschaft zwischen Armenien und dem Iran. Und hier, in meiner vierten Woche im Iran, wartet auch das vierte Mal Alkohol auf mich. Die Armenier produzieren ihren eigenen Wodka, Arak genannt und unter Freunden (und Freundschaften gibt es hier viele) wird er gerne Verkauft. Soroush besorgt sich eine solche Flasche und unser Abendprogramm ist damit gesichert.

Um in den restlichen Teil der Stadt zu kommen muss der Fluß nach Norden überquert werden. Hierzu sind schon vor langer Zeit unglaublich schöne und einzigartige Brücken entstanden, welche heute Teil des kulturellen Erbes sind. Doch wo ist der Fluß? Schon immer ging im Sommer der Pegel weit hinab, aber seit zwei Jahren hat das Flußbett kein Wasser mehr gesehen. Das ist sehr schade, da die Brücken eigentlich nur im Wasser ihre volle Wirkung entfalten können. Der Wassermangel ist aber nicht nur ein klimatisches Problem, sondern auch ein politisches. Die Politiker am Oberlauf liegen mit der Stadtverwaltung im Streit und leiten einfach viel zu viel Wasser ab. Tehran hat nun angekündigt sich darum zu bemühen dass das Wasser ab dem Herbst die Stadt wieder erreichen wird. Man darf gespannt sein.

Nördlich des Flusses, im eigentlichen Esfahan, erwartet den Besucher die Sehenswürdigkeit der Stadt, ach was, des ganzen Landes, der Meydan e Imam. Dieser vollendete rechteckige Platz mit seinen Arkaden, Wasserspielen, wird von zwei Moscheen, dem Haupteingang zum Basar und dem Herrscherpalast eingerahmt. Man sagt wer diesen Platz kennt hat die Hälfte der Welt gesehen. Dieser Teil der Stadt ist voll von historischen Bauten und Parkanlagen. Aber leider gibt es keine „mittelalterliche“ iranische Stadt mehr heute. Die Straßen sind meist sehr breit und verlaufen gerade, die Häuser wirken meist sehr modern und sind es häufig auch. Nur die historischen, überdachten Basaranlagen sind eng, verschlungen und verwinkelt. Auch Esfahan macht hier keine Ausnahme. Trotzdem gibt es kaum eine zweite persische Stadt, welche auch heute noch voll von so vielen historischen Bauten ist. Viele Touristen schwanken in ihrer Meinung ob nun eher Esfahan oder eher Shiraz die schönster aller iranischen Städte ist. Shiraz sticht definitiv nicht durch sein schöneres oder historischeres Stadtbild. Diese Stadt sticht durch ihre lockere und sehr offene Bevölkerung. Esfahan Einwohner dagegen haben einen eher verklemmten und traditionellen Ruf. Hier wird der Islam respektiver gehandhabt als im südlicheren Shiraz. Die tollste iranische Stadt wäre daher die Architektur Esfahans mit den Menschen von Shiraz. Ich besuche den Meydan an einem Freitag, den traditionellen freien Tag der Arbeitswoche. An diesem Tag findet in der großen Moschee das traditionelle Freitagsgebet statt, welches selbstverständlich von der Regierung gesteuert wird und meist zu regimefreundlicher Propaganda genutzt wird. Selbst viele gut gläubige Moslems haben von dieser politischen Vereinnahmung des Islams inzwischen die Nase voll und beten lieber in kleinen Moscheen oder gleich ganz zu Hause. Somit sind die Teilnehmerzahlen der offiziellen Gebeten mittlerweile stark rückläufig. In meinem Reiseführer ist noch ein Bild vom Vorplatz der Moschee zu sehen, auf welchem sich viele Gläubige auf dem Platz zum Gebet versammeln, da in der Moschee selbst kein Platz mehr frei ist. Ich hoffte solche Bilder nun mit eigenen Augen sehen zu können. Doch Fehlanzeige. Man klärte mich auf dieses Bild müsste mindestens zehn oder gleich mehr Jahre alt sein, das Gebet würde sich schon lange nicht mehr bis auf den Platz ausdehnen. Dafür wird der gesamte Platz mit der Predigt beschallt, aber keiner scheint sie sonderlich zu beachten.

Überhaupt spüre ich immer wieder einen Konflikt zwischen Persisch und dem Islam. Der Regierung ist der Islam wichtiger als der Iran, viele Menschen im Lande sehen dies aber genau umgekehrt. Über viele Jahrhunderte hinweg haben viele Perser ihre eigenen Vornamen verleugnet und Neugeborene bekamen von ihren Eltern arabische Namen. Auch die meisten heute lebenden Iraner haben solche Namen, sind aber nicht stolz darauf. Die alten persischen Namen sind aber in den Schriften von Ferdowsi nicht verloren gegangen und sehr viele Iraner sagen mir mit stolz das fast alle Neugeborenen der letzten fünf Jahre wieder echt persische Namen tragen. Da mir hier an vielen Orten, ganz unabhängig voneinander, immer wieder diese fünf Jahre als Umdenkzeitpunkt genannt werden beginne ich mich zu fragen was ist denn vor fünf Jahren so tiefgründiges passiert was zu so einem radikalen Umdenken führte. Wenn auch viele Iraner diese Entwicklung auch tragen, sie ist intuitiv entstanden und die meisten haben spontan keine Antwort auf diese Frage. Aber ich fand sie! Vor fünf Jahren verkündete das Regime die skandalöse Wiederwahl von Ahmadinedschad und direkt im Anschluss kam es zu der grünen Protestwelle. Auf den ersten Blick war diese nicht erfolgreich. Aber seither ist etwas im Gange im Land. Die Entwicklung geht zwar langsam wie eine Schnecke voran, aber sie bewegt sich stetig und wird so leicht nicht mehr aufzuhalten sein. In ca. 20 Jahren wird sie, meiner Meinung nach, das Land stark verändert haben. Am klaren Wahlsieg Rohanis konnte man das letzte Jahr sehen. Und das Regime gab damals die Order in seine Kampfeinheiten zu Hause zu bleiben und die Leute auf den Straßen feiern zu lassen. Im Gegensatz zu den Protesten fünf Jahre zuvor. Das Regime hat mittlerweile Angst vor den eigenen Menschen. Daher wird ihnen mehr und mehr Freiraum eingeräumt oder dieser wird sich einfach genommen. Bislang war es verboten und auch nicht passable wenn sich selbst Verheiratete in der Öffentlichkeit an der Hand fassten. Vor sechs Jahren trat der Herausforderer Ahmadinedschads, Mossawi, in einer Wahlveranstaltung im Fernsehen gemeinsam mit seiner Frau auf, ganz frech Hand in Hand. Seither ist es normal das sich Verheiratete offen an der Hand nehmen. Und im Schatten dieser Entwicklung tun dies nun auch vermehrt nicht Verheiratete. So wird das Land Schritt für Schritt verändert. Ein Schweizer, welcher den Iran vor fünf Jahren besuchte, sagte mir es wäre damals normal gewesen wenn ein Iraner mit Alkoholfahne ein Taxi bestiegen hätte der Fahrer ihn direkt bei der nächsten Polizeistation abgeliefert hat. Heute habe ich erlebt wie ein Bekannter von mir sich im Taxi zum Treffpunkt des Alkoholkaufs hat fahren lassen und nach erfolgtem Kauf wieder zurück. Dem Taxifahrer war dies egal. Somit kann man der Zukunft des Irans in dieser Hinsicht ganz entspannt entgehen sehen.

Nachtrag 07.11.2014 zu diesem Artikel: Ich erhalte an diesem Tag die erfreuliche Nachricht aus Esfahan das seit Heute das Wasser im Fluß zurück gekehrt ist. Das ist wohl ein Ereignis wie ein Feiertag für die Stadt. Die Politik hat also Wort gehalten, das macht auch Hoffnung auch für die Versprechungen hinsichtlich der Rettung des Urmiasees. Weiter so!

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s