Orumiyeh, 25. – 27.05.2014, Warten auf Rohani

zu gast bei assyrern Urmiasee1 urmiasee5 urmiasee4 urmiasee3 urmiasee2 was ist wasser was salz sonnenuntergang ueber dem urmiasee se gonbad in orumiyeh salzbaenke am ufer des urmiasees3 salzbaenke am ufer des urmiasees2.JPG salzbaenke am ufer des urmiasees mullahschule2 mullahschule1 mullahschueler spielen fussball moscheeportal moschee im stadtbild messerschleifer auf dem bazar im bazar hamam blick ueber die stadt bazar3 bazar2 assyrischer gottesdienst3 assyrischer gottesdienst2 assyrischer gottesdienst1 assyrische kirche alte moschee alte assyrische kirche mit neuem dach alte assyrische kirche2 alte assyrische kirche1 adel und seine lustige tochter

Von Kermanshah ab verbringe ich die härteste Nacht meiner Reise in einem vollbesetzten Bus auf einer Fahrt von 10 Stunden nach Norden. Das Endziel, die Stadt Orumiyeh, liegt ca. 50 Km östlich der Grenze zur Türkei und ein wenig weiter ist es bis zum Dreiländereck Türkei-Iran-Irak. Sie ist die Hauptstadt der Provinz West-Azerbejan, man merkt es, nun bin ich im türkischsprachigen Norden des Irans eingetroffen. Die Bevölkerung besteht aus einem Mix aus Azeri-Türken, Kurden, Sunniten, Schiiten und assyrischen Christen. Aber das ist eigentlich hier nicht wichtig, das miteinander der verschiedenen Religionen und Volksgruppen funktioniert hier vorbildlich, im Irak könnte man sich daran gerade jetzt ein Beispiel nehmen. Daher verfügt die Stadt auch über keine besonderen Stadtteile der verschiedenen Volksgruppen, alle leben bunt gemischt und sind teilweise sogar stolz auf ihre Vielfalt. Die Amtssprache ist nach wie vor Farsi, das jeder beherrscht, man hört in den Straßen und Geschäften aber eigentlich nur Türkisch. Aber man merkt die wieder gewonnene Nähe zur Türkei auch durch einen weiteren Aspekt: Auf einmal entdeckt man wieder die auch bei uns üblichen Imbissbuden mit Dönerspieß, welche es so im restlichen Iran nicht gibt.

Hier treffe ich Adel und seine Familie. Adel wagte vor einem Jahr den Sprung zu einer Firmengründung in der Stahlbranche. Dieser Schritt war sehr gewagt und ist eine Wette auf die Zukunft des Landes. Aktuell ist die Entwicklung des Unternehmens noch sehr stark gebremst durch die Sanktionen. So wird derzeit nur Schrott eingesammelt, dieser ein Einzelteile zerschweißt, diese dann bei hoher Temperatur eingeschmolzen um den Stahl wieder zu gewinnen, welcher dann in Rohstahlbarren gegossen wird. Verkaufen lassen sich diese sehr gut, die Marge ist aber viel zu gering um ein langfristiges Überlegen zu garantieren. Also will sich Adel spezialisieren um den gewonnenen Stahl gleich selbst weiterverarbeiteten um dann vielleicht direkt als Zulieferer für den Automobilsektor zu dienen. Adel hofft auf Export nach Europa, da er deutlich günstigere Produktionsbedingungen anbieten kann. Hierzu wartet er, wie viele Andere mit ihm, auf Rohani. Nicht das der Präsident persönlich die Stadt besuchen kommen soll, er wartet auf eine wirtschaftliche Erholung des Landes mit Wegfall der Handelsbeschränkungen. Dann könnte die Firma, so Adels Überzeugung, endlich richtig durchstarten. Sollte dies innerhalb der nächsten zwölf Monaten allerdings nicht gelingen könnte die Zukunft düster aussehen. So schloß Adel bei seiner Firmengründung eine Wette auf den Erfolg von Rohani ab, eher er überhaupt wissen konnte ob er die Wahl würde gewinnen. Zumindest diese Etappe hat er geschafft.

Aber Adel ist nicht alleine mit seinem Warten auf Rohani. Es dürften im ganzen Land Tausende in Wartestellung sein. Und auch außerhalb des Irans haben sich bereits einige Positioniert. Vielleicht hofft selbst der Verfasser dieser Zeilen auf einen Erfolg des Präsidenten, aus ganz persönlichen, ja wirtschaftlichen Erwägungen. Aber auf wem Lasten da eigentlich all unsere Hoffnungen?

Der Iran ist ja in der westlichen Presse als ein Mullahstaat verschrien. Mullah gleich Taliban gleich Islam gleich schlecht gleich böse. Aber eben dieser Rohani ist selbst ein Mullah. Trotzdem sehen wir uns gerne sein freundliches Gesicht in den Medien an und denken uns dabei was für ein netter Mensch dieser Rohani doch ist. Dass wir dabei einen Mullah indirekt unterstützen dringt anscheinend nicht durch. Klar ist aber jedem das Ahmadinedschad schlecht war. Er war ja Präsident der islamischen Republik. Merke: Islam gleich böse, sogar sehr böse! Nur Ahmadinedschad ist kein Mullah. Wir stehen hier also vor dem Paradox die islamische Republik als etwas Böses anzusehen, ohne das definieren zu können (denn wer ist schon bitte in der Lage den Iran und den Irak auseinanderzuhalten, und stecken die in Tehran nicht auch mit den Taliban unter einer Decke?), seinen früheren Vertreter, einen nicht-Mullah, sehen wir als die Wiederkehr des Satans, unsere Hoffnungen ruhen nun aber auf einem Mullah? Vielleicht wäre der Besuch eines Facharztes genau jetzt in Erwägung zu ziehen. Oder einfach weiterlesen!

Es gibt im Iran rückwärtsgewandte Politiker, genauso wie es nach Westen hin offene gibt. Diese beiden Blöcke teilen sich aber nicht in die Bereiche Kleriker und nicht-Kleriker, sondern sie gehen quer durch sämtliche Gruppen. Ahmadinedschad ist ein Anhänger der konservativen nicht-Klerikalen und hatte selbst unter dem Klerus am Schluss nur noch wenig Freunde. Unter den Klerikern gibt es dagegen immer wieder sehr interessante Beispiele das sich islamische Geistlichkeit und modernes Weltbild nicht ausschließen. Viele Anführer der grünen Revolution waren Kleriker, die Menschen gingen damals auf die Straße um anstatt Ahmadinedschad einen Kleriker, Mossawi, ins Amt zu bringen. An dieser Stelle muss nun ganz besonders an den im Dezember 2009 verstorbenen Großajatollah Montazeri erinnert werden, welcher zunächst ein sehr enger Vertrauter von Khomeni war, sich von diesem aber gegen Ende der 80er Jahre distanzierte. War er zunächst von Khomeni selbst als eigener Nachfolger auserkoren widerrief dieser dies kurz vor seinem Tode und der nun an die Macht kommende Chamenei unterwarf Montazeri bis 2003 einem Hausarrest. Dies ist in der islamischen Republik in soweit ein Paradox da in der schiitischen Geistlichkeit Montazeri einen höheren Rang inne hatte als Chamenei. Montazeri sprach im Jahre 2009 dem vorherrschenden System jegliche Legitimität ab und positionierte sich für deutlich mehr Demokratie und Trennung von Staat und Religion, außerdem beharrte er nicht auf der Kopftuchpflicht für Frauen. Montazeri ist ein Paradebeispiel das Geistliche eben nicht per se rückwärtsgewandter sind als Säkulare.

So hoffen viele Menschen in und um den Iran auf den Erfolg des Rohani, ich schließe mich dem an dieser Stelle an.

Orumiyeh ist im Iran ein gelungenes Beispiel an Mit- und Nebeneinander verschiedener Religionen. Historisch entstand hier die Religion des Zoroastrismus, der alten iranischen Religion, welche bereits im Beitrag über Yazd vorgestellt wurde. Diese ist, wie das Judentum, das Christentum und der Islam, monotheistisch. Als sich bald nach dem Tode Jesu etwas weiter östlich, im sog. „Heiligen Land“ der christliche Glaube ausbreitete, dieser aber noch einige Jahrhunderte davon entfernt war zur offiziellen Religion Roms zu werden, wanderten einige frühe Christen nach Osten, ins Reich der Perser, aus. Es handelte sich hier um assyrische Christen. Diese siedelten sich in und um Orumiyeh an und hier leben sie noch heute. Ihre Sprache ist eng verwandt mit dem Aramäischen, der Sprache Jesu. Ihre Schrift ist verwandt dem armenischen Alphabet. Nach deren Eintreffen in Orumiyeh konvertierte relativ bald ein zoroastrischer Priester zum Christentum und der Feuertempel wurde in eine christliche Kirche umgewandelt. Und diese Kirche steht noch heute und wird auch noch als solche genutzt. Da beide Religionen monotheistisch ausgerichtet sind gab es von Anfang an keine sonderlichen Spannungen zwischen den heimischen Zoroastrickern und den neu zugezogenen Christen. Ganz anders als im römischen Reich. Die zorastrische Religion ist heute in Orumiyeh nicht mehr vertreten, ein früher Teil wurde Christlich, der Rest später islamisch. Durch gute Kontakte seitens Adels, welcher selbst zu den Schiiten zählt, zu einem assyrischen Schulfreund öffnen sich mir viele assyrische Türen, sowohl zur alten Stadtkirche, welche aus dem Feuertempel hervorging, als auch die Chance an einem assyrischen Gottesdienst teilzunehmen. Der assyrische Priester bestätigt auf Nachfrage ausdrücklich das gute Verhältnis zu den moslemischen Nachbarn und Freunden und die völlige Freiheit der Assyrer ihre Religion auszuleben. In diesem Punkt überschneiden sich seine Worte mit denen das Rabbiners von Hamadan. Und bessere Zeugen für die religiöse Toleranz des Iran als einen jüdischen Rabbi und einen assyrischen Priester kann es eigentlich gar nicht geben.

Einige Kilometer östlich der Stadt liegt der gleichnamige See. Dieser ist ca. acht mal so groß wie der Bodensee und auf Bildern sieht er wie ein Paradies aus. Er ist, wie der Vansee ca. 100 Km westlich, völlig ohne Abfluss und der Salzgehalt ist hierdurch extrem hoch. Im Gegensatz zum Vansee ist die Wassertiefe das Urmiasees allerdings nur sehr gering und durch ein schlechtes Wassermanagement schrumpft der See seit einigen Jahren sehr schnell. Der Salzgehalt ist hierdurch weiter gestiegen und das Ufer besteht oft nur aus sumpfigen Salzbänken. Hier spielt sich derzeit eine schreckliche Umweltkatastrophe ab, jeder bedauert sie, aber keiner scheint bereit zu sein etwas zu tun. An der engsten Stelle des Sees wurde eine Kombination aus Damm und Brücke errichtet um eine Straßenverbindung von Orumiyeh nach Tabriz auf dem direkten Weg zu erhalten, was leider die Zirkulation des Wassers beeinträchtigt und den Schrumpfungsprozess beschleunigt. Auch hier hat Präsident Rohani versprochen innerhalb von zehn Jahren den See zu retten. Das wie hat er allerdings offen gelassen, das Vertrauen der Menschen in die Rettung des Sees ist daher geringer wie in die sonstigen Erfolgsaussichten des Präsidenten. Aber auch hier, wie in wirtschaftlichen Fragen, gilt: „Warten auf Rohani“.

 

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