Soverato an der ionischen Küste, 28.-30.06.2014

unser alter Weg ans Meer, die alte Bogenbruecke und ewig ist das Meer tuerkis Soverato Soverato Strandpromenade am Abend Soverato Stadtstrand 4 Soverato Stadtstrand 3Soverato Stadtstrand 2 Soverato Stadtstrand 1 Soverato Nuernberger Bratwuerste Soverato meine Laubenpizzeria Soverato ImpressionenSoverato Eisdiele 2 Soverato Eisdiele 1 Soverato ein Restaurant Soverato der Abend bricht herein Soverato die Kapelle der Fischerder Soverato und seine Bruecken das blaue Wasser von Soverato Blick ueber die Bucht Bahnuebergang in Soverato mit Strasse nach Superiore BahnbrueckeSoverato die Baeume der Strandpromenade Soverato Buchtstrand 2 Soverato Buchtstrand 1 Soverato an einem Sommerabend Soverato 4Soverato 3 Soverato 2 Soverato 1 meine Laubenpizzeria in Soveratoim Wasser des Soverato hier lag der Camping die neue Bruecke die Muendung des Soverato die Gedenkstaettedie Fischerkooperative von Soverato Die Erinnerungstafel mit den Namen die alte Bogenbruecke die alte Bahnbruecke ueber den Soverato der Soverato und seine Brueckendas blaue Wasser von Soverato Blick ueber die Bucht Bahnbruecke

Es war einmal vor vielen Jahrhunderten, da lag weit oben in den Bergen südwestlich von Catanzaro, ein kleines Dorf names Soverato. Wie jedes christliche Dorf seiner Zeit, lag es weit entfernt von der Küste. Dann kam, wieder einmal, eines der vielen Erdbeben und verwüstete den Landstrich. Dabei blieb auch in Soverato kaum ein Stein auf dem anderen. Anstatt das Dorf am alten Standort wieder aufzubauen entschieden sich die Bewohner für einen neuen Standort, deutlich weiter unten und damit viel näher am Meer. Die Bedrohung durch die Piraten war mit der Zeit deutlich gesunden und die dunklen Zeiten des Mittelalters lagen schon lange hinter den Menschen. Daher hielt man jetzt einen Standort näher am Meer für sinnvoller. Die alten Ruinen, oben in den Bergen, wurden fortan Soverato vecchio genannt, während das neue Dorf den Namen Soverato übernahm. Die Fischer bauten sich unten am schönen Stand ein paar Baracken und es entstand eine kleine Kapelle, in welcher die Fischer um Beistand draußen auf dem Meer baten. Dann brach auch über den Mezzogiorno die Moderne herein, die Eisenbahn und die Küstenstraße kamen und es begann ein Vorgeschmak des Tourismus einzusetzen. Und da lag das Dorf Soverato, obwohl nun schon seit einigen Jahrhunderten an seinem meeresnahen Standort, noch immer zu weit ab vom Schuß. So entstand um die Kapelle der Fischer herum langsam eine Siedlung mit Hotels, Läden und Bahnhof. Bald darauf meinte jeder, wenn er von Soverato sprach, nicht mehr das Dorf weiter oben sondern die mondäne Siedlung am Meer. Das Dorf oben trägt seither den Namen Soverato superiore. Zwischenzeitlich kämpft auch Soverato superiore gegen das Aussterben, denn schon lange befindet sich nicht nur das Rathaus unten am Meer, man findet dort oben auch keine Läden oder Dorfkneipen mehr.

Unten dagegen nahm langsam eine Entwicklung ihren Anfang. Soverato etablierte sich als Badeort, investierte in eine schöne Uferpromenade. Deren Bäume sind heute so schön gediegen, das man unter ihnen fast ununterbrochenen kühlen Schatten selbst während der drückendsten Mittagshitze finden kann. In diesem Ort spielte sich ein Teil meiner Kindheit ab und prägte einen Teil meines Ichs auf Italien ein (siehe Liebster Award, elf Fragen, elf Antworten). Denn meine Eltern, obwohl keineswegs italienischer Herkunft, trauten sich mit mir als Kleinkind schon sehr früh, im eigenen Auto, bis weit hinunter nach Italien. Nahe Soverato, in einem schattigen Flußtal, entstand ein wunderschöner Campingplatz, und dieser wurde über viele Jahre hinweg unsere Sommerresidenz, jedes Jahr für vier Wochen. Zu dieser Zeit war der Italientourismus der Deutschen schon etwa ein Jahrzehnt alt, Heinz Erhardts Komödie über den Urlaub in Italien war bereits allseits bekannt, aber, den Deutschen von damals zog es fast nur an den Gardasee oder die Adria bei Rimini. Florenz und Rom besuchten damals nur wenige und südlich von Rom traute sich eigentlich keiner in den Süden. Ich dagegen liebte die langen Fahrten, welche oft drei Tage in Anspruch nahmen, über die Autobahnen. Ich erinnere mich bildlich an die Autostrada del Sole, welche über viele Stahlbetonviadukte sich durch die Berge des Südens zieht, wie die LKW dröhnten und wie schlecht damals die Tunnels ausgeleuchtet waren. Wer sich so weit in den Süden wagt, wird noch heute belohnt, denn kurz hinter Salerno kommt noch eine Mautzahlstelle und ab dann ist die Autobahn kostenfrei. Dies ist noch immer weitgehend unbekannt in Deutschland.

Der Camping war damals schon gut besucht, aber nur von Italienern. Diese integrierten uns Nordländer mit größter Herzlichkeit in ihre Familienclans, wir verbrachten viele Sommerabende in großen italienischen Runden. Viele dort urlaubenden Italiener stammten aus der Region und hatten in den Döfern Verwandschaft. Auch zu dieser wurden wir oft eingeladen. Viele damals entstandenen Freundschaften halten bis zum heutigen Tage noch an. Zum Spielen fand ich auch viele gleichaltrige, aber nur Italiener. Wir hatten also ein Sprachproblem. Aber obwohl wir die Sprache des anderen nicht konnten, wir verständigten uns. Heute ist es mir ein Rätsel, aber Kinder haben diese Fähigkeit mit dem Herzen zu sprechen und sich dabei spontan zu verstehen. Eine Fähigkeit, würden die Erwachsenen später auch noch über sie verfügen, es gäbe wohl weniger Kriege auf dieser Erde. So war Italienisch die erste Fremdsprache, in welcher ich einen bescheidenen Wortschatz erlernte, noch bevor ich überhaupt eingeschult wurde! Noch heute sind mir die damals erlernten Begriffe im Kopf und ich kann noch immer so gut wie jede italienische Zahl aufsagen. Obwohl ich eigentlich diese Spache nie richtig erlernte habe ich noch immer ein Gehör für sie, ich verstehe immer wieder spontan und schaffe es meistens, mich auf verständliche Weise, zwar nicht fehlerfrei, auszudrücken. Und ich liebe diese Sprache, in welcher jeder noch so banale Satz wie Teil eines Gedichtzykluses klingt. Der Camping lag im weiten Bett des kleines Flüßchens Soverato ein Stückchen hinter dem Stand. Um zu diesem zu gelangen gab es also einen kleinen Fußmarsch zu absolvieren. Dafür war der Platz perfekt schattig. Zwischen Platz und Strand überquerten zwei Brücken das Flußbett. Zum einen die alte Bogenbrücke der Küstenstraße. Einmal krachte ein aufgeladener Bagger oben an die Streben. Viel aufhebens wurde darum nicht gemacht, es vielen eben ein paar Betonbrocken auf die Fahrbahn, der Fahrer fuhr die Schaufel ein wenig ein und fuhr weiter. Die andere Brücke ist die der ionischen Küstenbahn. Immer sah ich die vielen Züge vorbei fahren. Ich selbst lebte mit meinen Eltern in einem Ort ohne Bahnanschluß. Aber meine Großeltern lebten mit Blick auf den Bahnhof. Und hier war der zweite regelmäßige Ort, wo ich die Bahn beobachten konnte. Hier entstand vermutlich meine Interesse für die Bahn, denn meine Kinderaugen verglichen die ähnlich aussehenden, aber eben doch verschiedenen Diesellokomotiven der beiden Bahnstrecken in Deutschland und hier. Es gab in Soverato aber auch schon die noch heute zu sehenden Dieseltriebwagen zu bestaunen, aber auch lokbespannte Züge. Die Lokomotiven kenne ich nur aus meinem Gedächtnis, aber sie sahen aus wie die Baureihe der Villinger, welche einmal bei der DB im Einsatz waren. Und damit anders als die bei meinen Großeltern vorherrschende Baureihe 218.

Immer wollte ich meinen Vater bei seinen Einkäufen in die Markthalle Soveratos begleiten. Damals, in den 70er-Jahren, ging es in einer Markthalle im Süden ähnlich zu wie auf einem arabischen Bazar. Ja, der starke Einfluß der Araber ist dort unten, obwohl nur gute Katholiken hier leben, noch immer spürbar. Wer es nicht als Kind lernte. für den kann der Süden noch immer ein kleiner Schock sein. Nicht auf den ersten Blick. Der erste Blick des Reisenden wird von der Schönheit der Landschaft und der Freundlichkeit der Leute voll eigenommen. Aber wenn man dann z.B. durch die Altstadt von Palermo wandelt kann es sein man findet sich plötzlich auf einem kleinen Platz mit wildem Markttreiben. Die Händler preißen ihre Waren brüllend an und am Metzgerstand wird der gehäutete Kopf eines Rindes mit dem Schlachtermesser zerkleinert. Im Süden sind Schönheit und scheinbarer Brutalität schon immer nah beieinander gewesen.

Anfang der 80er-Jahre wurde Soverato dann aber vermehrt von italienischen Touristen, welche aber keine Bindungen mehr zu dieser Region hatten, überflutet. Der Stand war sehr voll und mein Vater regte die häufig laufenden Radios auf. Damals kam das Lied „Vamos a la playa“ heraus und man könnte es in Soverato an jeder Ecke hören. 1983 fand deshalb unser letzer Familienurlaub an diesem Ort statt. Vergessen konnte ich den Ort aber nie. 1992 ging es nochmals nach Kalabrien in den Urlaub, aber an einen anderen Ort. Auf mein Drängen besuchten wir aber kurz den Camping von Soverato. Mein Vater wurde sofort von einem Mitarbeiter erkannt. Aber der Strand wurde ein viele kleine Parzellen aufgeteilt und nur noch ein winziger Abschnitt der einst freien Bucht stand den Gästen des Campings zur Verfügung.

Im Jahre 2000 führte ich eine lange Bahnreise durch Italien auf eigene Faust durch. Ich legte für einige Tage einen Aufenthalt in Soverato, auf eben jenem Camping ein. Ich war überrascht, der Camping war schön wie eh und jeh, der Strand aber wieder frei zugänglich wie früher. Ich war, obwohl ein junger Mann, ein Veteran unter den Gästen des Campings. Viele Orte aus meiner Erinnerung fand ich wieder. Darunter auch eine wunderschöne Pizzeria in Soverato mit einer herrlichen Laube, von welcher aus man den Mann am Pizzaofen zusehen konnte. Dies war wohl der Ort, an welchem ich eine meiner ersten richtigen Pizzen aufgetischt bekam. Zu dieser Gelegenheit fand auch mein erster Ausflug auf der zwei Kapital vorher beschriebenen Ferrovie della Calabria statt. Ich war glücklich, diese Momente in Erinnerung an meine Kindheit erleben zu dürfen.

Fünf Wochen später, der Urlaub bereits vorbei, es war im September 2000 an einem verregneten Morgen. Ich saß beim Frühstück und mußte bald darauf zur Arbeit. Ich werfe einen Blick auf die erste Schlagzeile der Stuttgarter Zeitung. Da heißt es „Campingplatz im Süden Italiens von Flutwelle verwüstet“. Selbstverständlich interessiere ich mich für alle Nachrichten aus Italien, aber an einen persönlichen Bezug dachte ich nicht wirklich. Aber beim lesen des Artikels bestätigen sich meine schlimmsten Begfürchtungen: Es handelte sich um den Camping „Le Giare“ in Soverato. Der sonst immer friedliche „Soverato“ war aufgrund von starken Regenfällen auf das Vielfache seiner üblichen Größe angeschwollen und hat den gesamten Camping einfach mit sich gerissen. Glücklicherweise waren aufgrund des tagelang schlechten Wetters viele Gäste bereits abgereist, aber es befand sich ausgerechnet eine Gruppe von behinderten Jugendlichen in ihrem Ferienlager noch vor Ort. Und obwohl der Camping ca. einen Kilometer vom Meer entfernt lag wurde vieles bis aufs offene Meer hinaus gerissen und einige Leichen wurde nie gefunden.

Dieses Ereignis hat mich doppelt berührt. Zum einen einfach weil es ein mir bekannter und geliebter Ort von Kindheitserinnerungen war. Aber eben auch weil ich nur wenig Zeit zuvor selbst noch vor Ort war und, wenn die Launen des Schicksals anders entschieden hätten, ich genauso hätte von dieser Flutwelle mitgerissen werden können. Im Jahre 2005 verbrachte ich noch einmal einen kurzen Aufenthalt in Soverato, schaffte es aber nicht den Ort des früheren Campings aufzusuchen, da ich mehr auf die Stadt fixiert war. Und nun, im Zuge meiner Rückreise aus dem Iran, nahm ich mir die Zeit, Soverato nochmals für knapp zwei Tage zu besuchen um mir in Ruhe alles ansehen zu können. Der Küstenort ist wie eh und jeh, die Kapelle der Fischer noch immer versteckt zwischen den Häusern, die Kooperative der Fischer hat noch immer ihre Verkaufsstelle in einem Bretterbungalow direkt am Strand, der Sand noch immer goldig fein und die Wasserfarbe herrlichstes, klares Türkis. Die Strandpromenade verfügt seit jüngster Zeit über W-Lan und an einem Verpflegungsstand bietet ein Deutsch-Italiener aus Nürnberg für fünf Euro sein Special an, drei Nürnberger Bratwürste und eine Flasche Bier aus Franken. Das ganze angekündigt als Angebot zur WM.

Als ich dann aber meinen Fußmarsch hinaus zum Fluß antrete sehe ich eine andere Landschaft als die meiner Kindheit. Die beiden Brücken stehen noch immer, unverändert. Schon lange kam eine dritte Brücke hinzu, über welche autobahnähnlich die Umgehungsstraße verläuft. Mit deren Bau wurde 1983 angefangen, daran erinnere ich mich noch sehr gut. Der alte Campingplatz kann aber von mir nicht mehr eindeutig lokalisiert werden. Es fällt zu allererst eine häßliche Mauer auf, welche zum Schutz gegen zukünftige Überschwemmungen erstellt wurde. Eigentlich müßte sich der alte Standort hinter dieser Mauer finden. Auf der anderen Seite der Mauer ist von den einstigen Bäumen des Campings und den Sanitärgebäuden nichts mehr zu sehen oder auch nur zu ahnen. Auch scheint der Fluß sein Bett etwas weiter nach Westen verschoben zu haben und damit den alten Platz sogar zu streifen. An der Vorderseite der Mauer ist eine Gedenkstätte für die Opfer, aufgestellt zehn Jahre nach der Katastrophe. Die Inschrift teilt mit, das für Mario Boccalone, Vinicio Calio, Ida Fabiano, Serafina Fabiano, Raffaelle Gabriele, Paola Lanfranco, Iolanda Mancuso, Guiseppina Marsico, Franca Morelli, Rosario Russo, Antonio Sicilia, Salvatore Simone und Concetta Zinzi jede Hilfe zu spät kam. Das wenige, was ich für diese Menschen noch tun kann, ist, ihre Namen hier komplett aufzuführen. Leider kam ich erst sehr spät wieder an diesen Ort, fast 14 Jahre später, aber ich kam um noch einmal das noch mögliche und notwendige zu tun.

https://www.youtube.com/watch?v=YcYlEMSc89k

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