Im Bann des rhätischen Dreiecks, Graubünden, 05.07.2014

Bahnhof Mals Auto da Posta svizra Amtssprache im Postauto Val Mustair Rumantsch am Bahnhof Mals Mit dem Postbus auf dem Weg ins Val Mustair rumantsche Sprache in Val Mustair Val Mustair Val Mustair OrtsduchfahrtStreckenplan Auto da Posta in MalsSta Maria Val Mustair Kreuzung zum Stilfser Joch Sta Maria Val Mustair 3 Sta Maria Val Mustair 2 Sta Maria Val Mustair 1Jugendherberge Sta Maria Anlage 1 Jugendherberge Sta Maria Anlage 2 Jugendherberge Sta Maria Anlage 3 Jugendherberge Sta Maria Buendner Stube Jugendherberge Sta Maria Buendner Stube 2 Jugendherberge Sta Maria Buendner Stube 3 Jugendherberge Sta Maria Fensterausblick Jugendherberge Sta Maria Fensterblick Jugendherberge Sta Maria SchlafsaalPass dal Fuorn Fuorn Route 8 Fuorn Route 7 Fuorn Route 6 Fuorn Route 5 Fuorn Route 4 Fuorn Route 3 Fuorn Route 2 Fuorn Route 1RhB La Punt Chamues BF Zernez Jubilaeum der RhB BF Zernez Einfahrt RhB BF Zernez die obligatorische Bahnhofsbrunnen in der Schweiz BF Zernez Bahnanlagen BF Zernez Bahnhofsname im romanischen Land Engadin bei SamedanSankt Moritz See Oberes Engadin Seelandschaft hinter dem Malojapass in Graubuenden Chiavenna StadtblickStrecken und Liniennetz der RhBSeelandschaft hinter Colico 1 Seelandschaft hinter Chiavenna BF Colico von Trenord BF Chiavenna Vorderseite BF Chiavenna Bar BF Chiavenna Bahnhof von Trenord kurz vor Lecco typisch italienische BahnhofsbarInn bei Celarigna SchlarignaAldo Moro Bahnhofsvorplatz Wie viele Sprachen kennt die Schweiz bzw. über wie viele Amtssprachen Aldo Moro als Kopie von Schleyerverfügt dieses Land? Drei oder vier? Deutsch, Französisch und Italienisch werden die meisten zu sagen wissen und liegen damit nicht ganz falsch, da die Bundesregierung in Bern diese drei Sprachen als ihre Arbeitssprachen definiert. Aber wenn man nun auf einmal eine vierte Sprache ins Spiel bringt, kann es komisch werden. Manchmal kam es schon vor das Unwissende jetzt Englisch ins Spiel bringen wollten – und genialer kann man nicht daneben liegen!

Der Bund kennt, wie gesagt, seine drei Sprachen. Darüber hinaus hat in der Schweiz aber jede Kommune das Recht, seine Amtssprache(n) frei festzulegen. Somit ist in der Schweiz jede Sprache, welche in mindestens einem unbekannten Bergdorf vom Gemeinderat oder in einer Bürgerabstimmung als Amtssprache festgelegt wurde, auch so etwas wie eine offizielle Sprache des Landes. Und die Sprachgrenzen verlaufen durch die Schweiz auf ziemlich krummen Pfaden, teilweise orientieren sie sich nicht einmal an den Kantonsgrenzen, denn die Kantone Bern, Fribourg und Valais (Wallis) kennen zwei Amtssprachen und in den beiden Kantonen Jura und Ticino (Tessin) liegt jeweils ein kleines Dorf, welches entgegen dem restlichen Kanton, welcher entweder nur Italienisch oder Französisch spricht, wieder Deutsch als Amtssprache hat. Und Graubünden, flächenmäßig größter Kanton, kennt sogar drei offizielle Sprachen, welche aber, um es noch ein wenig komplizierter zu machen, nicht identisch mit den drei Sprachen des Bundes sind. 65% aller Schweizer sprechen Deutsch, 18% Französisch, 6% Italienisch und weniger als ein Prozent Rumantsch. Gerade die frankophonen Regionen der sog. Romandie führen einen kulturell ziemlich harten Abgrenzungskampf mit den deutschsprachigen Gebieten. Diese Sprachgrenze wird daher oft auch als „Röstigraben“ bezeichnet. Denn diese Regionen trennt mehr als nur eine Sprache, hier trennt auch noch eine andere Kultur und Mentalität. Die deutschsprachigen Gebiete, meist mit Ausnahme der weltoffenen Stadt Basel, sind sehr konservativ und setzen stark auf Abschottung gegenüber der EU, insbesondere vom großen Bruder Deutschland. Manch böse Zunge behauptet dies geschehe auch um Minderwertigkeitskomplexe gegenüber dem großen und teilweise übermächtig wirkenden Deutschland zu kompensieren. Die Romandie dagegen, obwohl kleiner, kennt deutlich weniger solcher Komplexe und wagt eher auch mal das Neue. So wäre der Westen der Schweiz, folgend einer Linie von Basel bis Genf, immer nahe an der Grenze zu Frankreich sich haltend, längst der EU oder gar dem Euro beigetreten.

In Graubünden spricht der Talboden, das Rheintal, meist Deutsch. Hier liegen auch die großen und wichtigen Städte wie Chur, Landquart und Klosters. Der Alpensüdhang, welcher sich bereits komplett Italien zuwendet, spricht selbstverständlich auch Italienisch. Die Höhenzüge, welche noch dem Alpennordhang zuzurechnen sind, sprechen dagegen ihre ganz eigene Sprache, Rumantsch, oder auch Rhätoromanisch genannt. Dies ist eine sehr alte Sprache, welche auf Latein basiert. Am nähesten steht ihr das Ladinische, welches im Grödnertal in Südtirol gesprochen wird. Aber das Grödnertal liegt weit entfernt im Osten von Südtirol, man kann also nicht von einer Sprachbrücke reden. Daß die wenigsten über die Existenz dieser Sprache gar nicht erst informiert sind, zeigt das große Problem auf, sie ist vom Verschwinden bedroht, hat scheinbar gegen das übermächtige Deutsch, welches vom Tal unten herauf drückt, keine Chance mehr. Rumantsch wird vor allem in touristisch orientierten Gegenden gesprochen und die meisten Touristen sprechen Deutsch, Englisch oder Italienisch, keiner kann Rumantsch. Viele Gemeinden in traditionell romanischsprachigen Gebieten erklärten sich in den letzten Jahren bereits zu deutschsprachigen Orten, einfach weil der Anteil der noch Romanischsprachigen auf unter 10 % gesunken ist. Andere Orte halten an der Amtssprache fest, obwohl in ihren Orten heute die Mehrheit bereits Deutsch spricht. Aber wie lange können diese Orte gegen den Trend noch bestehen? Denn wie lange kann man es sich leisten, der Mehrheit eine Amtssprache aufzudrücken, welche sie gar nicht versteht? Die Alternative heißt für manche Orte Zweisprachigkeit, Deutsch und Rumantsch werden zu gleichberechtigten Sprachen erklärt. Aber ob das reicht, um die alte Sprache langfristig zu retten? Heute gibt es nur noch wenige Ecken, in welchen das Rumantsch wirklich fest verankert ist. Dazu gehört das untere Engadin, aber auch das Val Mustair.

Das Val Mustair verbindet auf einer West-Ost-Route das Engadin bei Zernez mit dem Vinschgau in Südtirol. Es handelt sich dabei gar nicht um ein Tal, da in der Mitte der Pass dal Fuorn gequert werden muß. Aber eben hinter diesem Paß, welcher das dahinter liegende Tal vom Rest der Schweiz abtrennt, konnte sich in wenigen Dörfern noch eine kleine Sprachinsel erhalten. Aber auch diese ist bedroht, öffnet sich das Val Mustair doch nur zum Vinschgau hin, welches in seiner ganz eigenen Abwehrhaltung gegen das Italienische fest zur deutschen Sprache steht. Von Mals, der Endstation der Vinschgaubahn, verkehrt der schweizer Postbus bis zum Bahnhof Zernez der rhätischen Bahn. Gleich am Bahnhof von Mals hat Postauto Schweiz, Entschuldigung, es muß natürlich heißen Auto da Posta svizra, seine Ausschilderung in Rumantsch angebracht. Im Bus begrüßt ein Schild die Fahrgäste mit dem freundlichen Text „Voss chauffeur C. Camichel giavischa a Vus in bun viadi“. Die Post, ebenso die rhätische Bahn, haben ihre Lektion also gelernt und zeigen ihren Respekt gegenüber der Lokalsprache. Nachdem der Bus den Bahnhof Mals verlassen hat werden noch zwei bis drei Dörfer im Vinschgau durchquert, es wird also Deutsch gesprochen. Dann kommt die Grenze und es geschieht ein kleines Wunder, ein junger Mann steigt ein und spricht mit dem Busfahrer sofort auf Rumantsch. In Mustair warnt ein Schild mit der Aufschrift „attenziun Uffants“ vor spielenden Kindern.

Mustair und Sta. Maria Val Mustair sind zwei wunderschöne Dörfer, dessen alte Häuser viele bemalte Fassaden aufweisen. Aber auch hier schildern Läden und Restaurants ihre Leistungen meist nur noch in Deutsch aus, im Laden an der Kasse spricht die Kassiererin nur Deutsch und niemand schaut böse wenn man ungefragt auf Deutsch ein Gespräch anfängt. Ich verbringe die Nacht in der rustikalen Jugendherberge. Eine Jugendherberge in der teuren Schweiz kostet mich heute in etwa gleich viel als eine Minisuite im noblen Hotel von Jolfa, meiner letzten Station im Iran. Aber das Ambiente ist unschlagbar. Hier treffe ich nicht mehr Abenteuerreisende oder Weltreisende, hier sind es die Radfahrer und Wanderer, nicht selten auf Kurzreise. Am nächsten Morgen fahre ich im Postbus weiter über den Fuorn bis ins Engadin, Zernez. Nach vielen Jahren endlich wieder am Streckennetz der legendären RhB, im 125. Jahre ihres Bestehens. Die Engadinstrecke, welche Pontresina (oder auf Rumantsch Puntraschigna) mit Scuol-Tarasp verbindet, hält an Bähnhöfen die da heißen Ardez, Guarda, Lavin, Susch, Cinuos-chel-Breil oder La Punt Chamues-Ch. Fühlt man sich da nicht eher in einem hinteren Winkel Südamerikas anstatt in der Schweiz? Ich fahre in Richtung oberes Engadin, bis Samedan und steige hier um in den von Chur kommenden Zug nach Sankt Moritz. Aber auch hier, keiner der Schaffner der Rhb spricht seine Fahrgäste noch auf Rumantsch an und im Zug hört man nur eine Sprache, Deutsch! Immerhin efolgt die automatische Haltestellenansage noch in mehreren Sprachen, hier ein kleines Beispiel:

Auch Sankt Moritz ist einer dieser Orte, welcher sich bereits vor sehr langer Zeit von seiner rumantschen Sprache verabschiedete und man seither kaum noch den Namen San Murezzan sieht. Dafür kam die zahlende Kundschaft aus England und bald darauf der Glacier-Express und seither klingeln die Kassen. Dabei verwandelte sich das einst sehr kleine Dorf, malerisch an einem Bergsee gelegen, zu einer nicht mehr sonderlich schön wirkenden Ansammlung von Hotelbunkern. Sankt Moritz hat sich in den letzten Jahren nicht mehr zu seinem Vorteil verändert. Schön ist nur noch die Gegend darum herum, der Ort selbst ist keine Augenweide mehr. Aber mein Aufenthalt dauert nicht lange, ich steige wieder um auf den Postbus und reise weiter das Engadin hinauf bis zur Quelle des Inn. Kurz darauf ist der Malojapaß hinter uns und der Bus stürzt sich Serpentine über Serpentine hinunter. Hinter dem Paß sind wir nun wieder im Land der italienischen Sprache. Viele Kurven und wenige Dörfer später wird auch die Staatsgrenze zu Italien überquert und der Bus bringt mich noch weiter bis in die nächste Stadt, Chiavenna, da es hier wieder einen Bahnanschluß gibt. Zwischen Chiavenna und Colico verkehrt eine Stichbahn als Zubringerzug zu den Zügen von Tirano und Sondrio nach Lecco, Monza und Milano. Wir sind jetzt in der Lombardei, also ist hier Trenord und nicht mehr Trenitalia tätig. Die Züge unterscheiden sich aber in keinster Weise, lediglich die Aufschrift wurde überklebt. Aber eine freundliche Schaffnerin bemüht sich sehr mir einen komplizierten Fahrschein, welcher bis an die Ufer das Lago d’Isseo gelten soll, auszustellen. Die Strecke ist sehr schön, da sie an vielen Seen vorbei führt. Aber schnell ist Colico erreicht und der Zug von Tirano nach Milano hat Verspätung, willkommen in Italien! Aber im Bahnhof finde ich eine der so typischen Bahnhofsbars von Italien, wie sie mir auf meinen vielen Reisen schon so vertraut wurden und ich fast schon nostalgische Gefühle bekomme. Die Weiterfahrt führt an den Ostufern des Comer Sees, oder in diesem Bereich auch Lago di Lecco genannt, entlang. War es oben im Engadin noch regnerisch Kühl so scheint die feuchte Hitze hier unten mich nun zu erschlagen. An einem Unterwegshalt fällt mir auf, daß der Bahnhofsvorplatz „Piazza Aldo Moro“ heißt. Aldo Moro war christdemokratischer Premierminister in den 70er-Jahren. Aufgrund großer Wahlerfolge der kommunistischen Partei wollte er, als gerechter Demokrat, eine Koalition mit dieser Partei eingehen, also ganz anders als Mike Mohring und seine thüringer CDU jüngst. Die USA wollten aber in keinem Land der Nato eine kommunistische Partei an der Macht sehen. So wurde Moro mehrmals eindeutig gewarnt, seine echten demokratischen Anwandlungen bitte einzustellen, sonst würde etwas Schlimmes mit ihm passieren. Und dies passierte dann auch, die CIA ließ ihn mittels faschistischer Handlanger aus Italien entführen und beseitigen. Um den Druck noch ein wenig zu erhöhen inszenierten diese Schergen die Entführung und Ermordung als eine Art Kopie der RAF-Entführung Schleyers, welche erst kurz zuvor Deutschland erschütterte, um diese so möglichst den Roten Brigaden in die Schuhe zu schieben und so die Kommunisten in der Bevölkerung noch weiter zu Diskreditieren. Die USA stehen ja immer für Freiheit, Menschenrechte und Demokratie in der Welt. Und ich finde mit dieser Aktion, welche beleibe nicht die Einzigste ihrer Art war (Stichwort: „Gladio“ und „Strategie der Spannung“), haben die USA gezeigt wie toll sie doch bereit sind sich selbst an das zu halten, was sie sonst immer so laut in die Welt hinaus predigen.

Bald darauf hat der Zug die Berge verlassen und rattert durch eine heiße und schwüle Ebene. Dann erreichen wir ein riesiges Gleisvorfeld und beginnen in einen Kopfbahnhof einzufahren. Und weiter geht diese Geschichte mit dem nächsten Beitrag.

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