Stupor Mundi – Das Staunen der Welt

Friedirch IIDie lateinische Bezeichnung „Stupor Mundi“, was soviel wie „das Staunen der Welt“ bedeutet, galt bereits zu Lebzeiten als gängiger Zusatzname von Friedrich II von Hohenstaufen (1194-1250), König von Sizilien und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, einer der herausragendsten und mythenreichsten Persönlichkeiten des Mittelalters. Er galt als wissensbegierig und sprachbegabt. Es gab kaum einen christlichen Herrscher im Mittelalter, welcher bis tief in die arabische Welt hinein über ein so großes Ansehen verfügte als er. Ihm gelang es als einzigem Herrscher des Kreuzfahrerzeitalters die Stadt Jerusalem durch friedliche Verhandlungen übergeben zu bekommen. Seine interkulturellen Fähigkeiten, einmalig für das damalige Weltbild, waren im sog. „Heiligen Land“ seine größte Stärke, da viel Blutvergießen vermieden werden konnte. Im Reich dagegen wurde ihm der enge und respektvolle Umgang mit den Muslimen als seine größte Schwäche ausgelegt und er musste die restlichen Jahre seiner Herrschaft einem großen Konflikt mit dem Papst unterordnen, in welchem er selbst exkommuniziert wurde, der Papst dagegen Rom verlassen musste und sich im sicheren Rhônetal unter den Schutz des Königs von Frankreich stellte. Mit diesem Auszug der Päpste aus Rom wurde der Ausschlag für das spätere abendländische Schisma gegeben, welches die Kirche zwischen einem Rompapst und einem Avignonpapst spaltete und erst im Konzil von Konstanz, welches genau vor 600 Jahren begann, wieder beendet werden konnte.

Aber was hat diese zwar unbestritten interessante Figur mit meiner Person zu tun? Vor einigen Jahrzehnten interessierte sich ein Dekan der katholischen Kirche, welcher seinen Dienst im oberen Neckartal versah, für die Frage wer eigentlich seine Vorfahren waren. Ein verständlicher Wunsch, welchen vor ihm sicherlich schon viele Menschen hatten. Normalerweise wendet sich ein Bürger mit diesem Anliegen an das Standesamt. Dort allerdings sind nur Informationen zu finden welche bis zur Reichsgründung 1871 zurück reichen, da es vorher kein Standesamt gab. Wer weiter zurück blicken will muss sich an die älteste Institution des Abendlandes wenden – die kath. Kirche! So traf es sich sehr gut für diesen Mann, da es sich hier um seinen Arbeitgeber handelte. Er bekam ziemlich leicht Zugang zu den Tauf-, Todes-, und Heiratsregistern, welche bis zum Beginn der Christianisierung unseres Heimatlandes im 8. Jahrhundert zurück reichen. Zu diesem Zeitpunkt entstand mit der Krönung Karls des Großen gerade das Nachfolgereich des einige Jahrhunderte zuvor untergegangenen Weströmischen Reichs, aus welchem später das Heilige Römische Reich deutscher Nation wurde.

Um wieder auf den Dekan zurück zu kommen: dieser arbeitete sich zunächst durch eine lange Liste von Personen des gehobenen Bürgertums rückwärts durch die Jahrhunderte und häufig stellte sich die Herkunft des weiblichen Teils als interessanter dar. Ca. 200 Jahre zuvor heiratete eine jüngere Tochter adeliger Abstammung einen reichen und angesehenen Bürger – seither gehörte dieser Zweig der Nachfahren nicht mehr zum Adel. Macht man diese Zeitreise aber in die andere Richtung so steigt das Adelsniveau von Generation zu Generation weiter an – bis schließlich der erste deutscher Kaiser darin auftaucht. Und wo ein Kaiser ist braucht man nach dem zweiten und dem dritten nicht mehr lange zu suchen. So findet sich in dieser Vorfahrenliste dann auch wenig überraschend Stupor Mundi. Mitte der 80er Jahre rief dieser uns unbekannte Dekan auf einmal bei meinem Vater an und teilte ihm von seiner Vorfahrensuche mit – um uns gleichzeitig mitzuteilen wir seien sehr entfernte Verwandte von ihm selbst, welche mit ihm diese illustre Reihe an Vorfahren teile.

In der Meinung vieler starb das Blut der Staufer mit der Enthauptung des Enkels von Stupor Mundi in Neapel 1268 endgültig aus. Dem ist aber nicht so, wie der Blick in die Liste meiner Vorfahren zeigt. Stupor Mundi hatte selbstverständlich viele Kinder, die meisten davon allerdings nur „Bastarde“. Kurz vor seinem Tod ehelichte er aber noch die Mutter seines Sohnes Manfred um ihm damit seinen Namen weiterzugeben und ihn in den Status eines offiziellen Erben zu erheben. Manfred wurde dann auch König von Sizilien und erhob nach dem Tode seines Halbbruders Konrad Anspruch auf die Kaiserkrone, ohne diese allerdings jemals zu erreichen. An ihn erinnert heute noch der Name der Apulischen Stadt Manfredonia. Manfred ahnte aufgrund der vielen Feinde der Staufer dass sein Geschlecht nun wahrscheinlich keine sonnige Zukunft mehr haben wird. Vorausschauend stattete er seine eigene Tochter Constanze mit einer üppigen Mitgift aus und verehelichte sie mit Peter von Aragon. Nach dem offiziellen Aussterben der Staufer erhob das Haus Aragon unter Verweis auf diese Ehe Anspruch auf Sizilien und Süditalien, was durch die sizilianische Vesper letztendlich auch erreicht wurde. Das Blut der Staufer lebte ab dann im Geschlecht derer von Aragon weiter um sich dann u.a. durch viele strategische Eheschließungen (u.a. mit dem Hause Habsburg) auf verworrenen Wegen wieder zurück ins Schwabenland zu gelangen, was uns zu diesem unerwarteten Anruf des Dekans bei meinem Vater führte.

Es gibt heute sehr viele Nachfahren des hohen Adels aus dem Mittelalter. Die allermeisten dürften aber nur über uneheliche Kinder bestehen. Im Gegenzug sind wohl einige, welche nach Papier legitime Nachfahren sind, gar keine, weil man sich ja nur über den Namen der Mutter immer ganz sicher sein kann. Besonders bin ich heute also nicht durch diese Kette legitimer Nachfahren, welche mich mit dem gesamten Hochadels des Kontinents verbindet. Das Besondere ist lediglich das mir dies wegen der zufälligen Ahnensuche dieses Dekans zur Kenntnis gelangte. Einmal unterstellt, dass genau bei dieser Ahnenlinie alle offiziellen Väter auch die genetischen Väter waren, ist die Frage, wie viel „echtes Stauferblut“ noch durch meine Adern fließt, absurd. Genetisch kann da nicht mehr viel übrig sein. Dies ändert nichts an der Tatsache dass die Person des Friedrich II bis heute viel Aufmerksamkeit erhält und sich vielen Sagen, Mythen und Legenden um ihn ranken. Und auch ich bin noch immer fasziniert wenn ich über sein Leben und Wirken lese. Als ich 1986 zum ersten Mal an seinem Grab im Dom von Palermo stand legte eine junge Frau Blumen an seinem Sarkophag nieder – über 700 Jahre nach seinem Tode! Es ist wohl reiner Zufall dass ich schon als Kleinkind oft nach Süditalien in den Urlaub kam, lange bevor dort der Massentourismus einsetzte. Somit sehe ich bis heute mit meinen Kinderaugen dieses (zumindest damals noch) so andere Land und höre diese wohlklingende Sprache – Italien ist eine Leidenschaft von mir, eine sehr emotionale. Dies verbindet mich nicht nur mit Stupor Mundi, sondern auch mit Goethe. Goethes legendäre Reise bis nach Sizilien wirkte ein Leben lang nach, er sagte „seit er von Sizilien zurück kommend in Rom den Tiber wieder nach Norden überschritt war er nie mehr ganz unglücklich“. Sein Sohn, August Goethe, kam dagegen einige Jahre später nach Rom und war von den Zuständen vor Ort entsetzt. Er verstarb wenige Tage nach seiner Ankunft in Rom und wurde dort auf dem protestantischen Friedhof hinter dem Obelisken beigesetzt. Sein Grabstein trägt noch nicht einmal seinen Vornahmen. Dort heißt es lediglich „Goethes Sohn, dem Vater vorausgehend“. Von ihm sagt man er wäre nach seinem Eintreffen in Italien „nie mehr ganz glücklich gewesen“. Joachim Fest nutzte den Vergleich von Vater und Sohn in seiner Italienreihe „Im Gegenlicht“ zu der These dass viele Deutsche nach Italien reisten um die Erlebnisse von Goethe (Vater) nachzufühlen, allerdings mit den Eindrücken des Sohnes zurückkehrten. Da ich den extremen Süden Italiens, den Mezzogiorno, mit den Augen eines kleinen Kindes zum ersten Mal erleben durfte und dieser Eindruck für immer bleiben wird, bin ich hier wohl die Ausnahme und wandele eher auf den Spuren des Vaters. Und dort wurde auch meine Lust nach dem Reisen, nach anderen Sprachen, nach dem Entdecken der Welt, gelegt. „Wenn ich eines Tages nicht mehr Reise, dann bin ich nicht mehr“. Und gerade die Länder, in welchen Stupor Mundi wirkte, wirken auch heute auf mich eine große Faszination auf – der Mezzogiorno, der nahe und mittlere Osten, der Kontakt mit dem Islam. Gerade weil seit 2001 über diese Länder, Menschen und Kulturen viel Schlechtes und Falsches erzählt wird, gibt es dort für Menschen wie mich noch vieles was uns zum Staunen bringen kann, wenn wir den mit Augen zu sehen, Ohren zu hören und einer Zunge zum Schmecken nebst offenen Herzen dorthin reisen. Stupor Mundi, das Staunen der Welt, jetzt nicht mehr eine Person, sondern ein Erlebnis, das jedem offen steht, so er denn will. Ich lade Sie hiermit ein meinem persönlichen „Stupor Mundi“ zu folgen.

Was uns zum symbolischen Ausgangspunkt meiner Reise nach Stuttgart bringt.  Steht man heute, im Jahre 2014, vor dem verstümmelten Hauptbahnhof Stuttgarts, blutet einem das Herz beim Anblick des abgeriegelten Schlossgartens, den vielen blauen Röhren (dafür gibt es leider die EINE Röhre nicht mehr!) und Löchern, welche zu nichts anderem dienlich sind als den Verkehr zu stören. Da möchte man am liebsten schnellsten nur die Flucht ergreifen. Dabei handelt es sich bei dem alt-ehrwürdigen Bonatzbau um ein Gebäude, welches man ohne den Mund zu voll zu nehmen, bis vor kurzum noch als den „Nabel der Schwaben“ hat bezeichnen können. Selbst der alte Orientexpress war sich nicht zu schade diesen Kopfbahnhof anzufahren, dort in aller Ruhe die Fahrtrichtung zu wechseln um seinen Weg fortzusetzen. Aber nicht nur der Schlossgarten erinnert noch stark an die Kriegslandschaft des Schwarzen Donnerstags, auch in den Köpfen der Menschen herrscht noch immer Unfrieden. Da sehnt man sich nach einer lieblichen Nebenbahn, eingleisig, nicht elektrifiziert, statt den Strommasten stehen dagegen die alten Holzmasten für die Telegraphenverbindungen, die Bahnhöfe selbst erstrahlen noch im alten Glanz der K.W.St.E., wo der Fahrdienstleiter die Flügelsignale noch vor Ort stellt und das Gebäude dem Reisenden ein angenehmes Warten auf den Zug ermöglicht. Stellt man sich diese Bahnstrecke nun auch noch in landschaftlich reizvoller Umgebung des südlichen Baden-Württemberg vor, so würde man sich nicht wundern wenn gleich ein alter Dampfzug der EFZ, eine 64er vor Donnerbüchsen, vorbei schnaufen würde. Aber selbst wenn es nur ein moderner Triebwagen der DB oder HZL wäre, dem Bahnfreund wird es warm ums Herz. Kenner wissen, wo sich solche Strecken und Bahnhöfe heute noch im Netz der DB verstecken. Leider kaum direkt zu erreichen, wenn man vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof steht. Aber der beste Kompromiss für den flüchtenden Schwaben wäre der Regionalexpress nach Singen über die Gäubahn. Kaum hat der Zug den Hauptbahnhof hinter sich gelassen ist die Welt wieder in Ordnung. Die Strecke bietet als einzige Zulaufstrecke einen Blick auf die Stadt, aber was für einen! Es geht in einer weiten Schlaufe komplett um die Innenstadt herum und dann weiter durch viele Wälder und Viadukte hinaus aufs Gäu. Noch hat uns das hässliche Stuttgart 21 diese Panoramabahn nicht auch noch genommen. Nach dem Überqueren der Hochfläche des Gäu windet sich der Zug auf einmal in einer kleinen Schlucht hinab ins Neckartal, nach Horb. Es geht weiter dem Flusslauf folgend bergauf, es wird immer lieblicher und schon bald hält der Zug in Oberndorf. Bei der Ausfahrt aus Oberndorf wird die Harmonie des Reisenden bei einem Blick nach Links leider getrübt. Ein großes Industriegebiet verteilt sich dort, man ließt Firmennamen wie „Mauser“ oder „Rheinmetall Defense“. Was man nicht sieht, sich aber ebenso in Oberndorf befindet, ist Heckler&Koch. Oberndorf, eine der gefährlichsten Städte der Welt, wenn man als Kriterium die Anzahl der dort hergestellten Waffen nimmt. Und damit dass auch so bleibt, darum kümmert sich verlässlich der lokale Direktabgeordnete der CDU namens Volker Kauder. Das es sich bei diesem Volker Kauder auch noch zufällig um den Fraktionsvorsitzenden handelt ist sicherlich nicht gegen die Interessen von Heckler&Koch. Folgen wir der Gäubahn weiter auf ihrem Weg nach Süden so wird die Bahn der einzige Verkehrsträger im jetzt sehr eng gewordenen Neckartal, sogar für Auto und Straße ist nun kein Platz mehr. Und auf einmal wird das Tal wieder weit und auf einem Höhenzug erblickt das Auge des Reisenden eine mittelalterliche Stadt, Rottweil. Die Waffenschmiede von Oberndorf, die liebliche Bahnstrecke und die erhabene Stadt Rottweil spielen für mein Leben ganz persönlich eine große Rolle.

Mein Großvater erlernte in seiner Lehre Büchsenmacher. Die zentralen Jahre seiner Ehe lagen in der Nazizeit, alle drei Söhne kamen von 36 bis 44 auf die Welt. Da er leider wenige Wochen vor meiner Geburt verstarb bin ich auf die Erzählungen meines Vaters angewiesen. In den Jahren ab 33 waren Männer in der Waffenindustrie stark gesucht. So fand mein Großvater den Weg zu Mauser. In Oberndorf selbst wollten meine Großeltern aber nicht wohnen, die Stadt wirkte auf sie zu dunkel und klein. Stattdessen wurde Rottweil die Heimat und der Geburtsort der Kinder und mein Großvater pendelte mit der Bahn nach Oberndorf. Der Schwabe gilt oft als ruhiger Mensch. Wie man an Stuttgart 21 allerdings sehen kann bisweilen auch stur und sogar rebellisch. So gab es in den NS-Jahren unter den Schwaben selbstverständlich überzeugte Nazis, gefährliche Mitläufer, aber eben auch bedeutende Widerständler. Nicht selten anzutreffen war der Typ „Bauernschlaule“, welcher, um sich selbst zu schützen, dem Papier nach Mitglied der NSDAP wurde, in seinem Geiste aber dem Widerstand nahe stand, selbst zwar keine Aktionen ausführte, über die wahren Vorgänge im Reich aber stets informiert war und über sein Netz diese Informationen auch verbreitete. Die Kollegen in der Waffenschmiede meines Großvaters gehörten häufig zu dieser letzten Gruppe. Durch die formale Mitgliedschaft in der Partei nebst der Ausübung eines kriegsentscheidenden Berufs konnten diese der Einberufung in die Wehrmacht entgehen. Diese Leute sorgten dafür den Einzug an die Front meines Großvaters zu verhindern. Im Gegenzug erhielt mein Großvater viele vertrauliche und gefährliche Informationen aus dem Widerstand. Diese wurden meist auf einen kleinen Zettel geschrieben welcher von Kollege zu Kollege weiter gereicht wurde und nur in der verschlossenen Klokabine gelesen wurde. Als dann die Luftangriffe der Alliierten auch das Neckartel ins Visier nahmen rettete die Reichsbahn die Züge oft dadurch diese in einem der vielen Tunnels zwischen Oberndorf und Rottweil auf offener Strecke anzuhalten. In der Dunkelheit eingeschlossen zu sitzen, begann manchmal ein Kollege leise über die wahren Vorkommnisse im Reich zu reden, bis aus einer Ecke des Wagons der laute und ernste Ruf „Ruhe, Gestapo“ ertönte. Mein Großvater war schon sehr früh gegenüber dem Regime sehr kritisch eingestellt. Während noch viele Mitglieder der Familie überzeugt die Nazis verteidigten und ihnen folgten ging er keinem Familienstreit aus politischen Gründen aus dem Weg. Ich will das Verhalten von keinem Deutschen in dieser Zeit weder rechtlich noch moralisch beurteilen, mit Ausnahme derer welche Mord und Folter angeordnet oder ausgeführt haben. Aber über die restlichen, welche weder eindeutig „Gut“ noch eindeutig „Böse“ waren, ist es zwar heute leicht zu urteilen diese hätten richtig oder falsch gehandelt, aber niemand von uns, aus der Generation mit dem Glück der späten Geburt, kann sich wirklich ein Bild über die Zustände und Zwänge der Menschen in dieser Zeit machen. Jeder kann heute leicht daher reden wie „dumm“ und „naiv“ gewisse Leute waren oder was er/sie selbst alles so heroisch unternommen hätte. Aber wie hätten wir selbst uns verhalten, was hätten wir uns wirklich getraut, welche Risiken hätten wir auf uns genommen und, vor allem, über welche Informationslage verfügten die Leute damals? Für uns heute ist es einfach, wir verfügen im Nachhinein über ein umfassendes Wissen. Damals allerdings war vieles nicht so klar wie es für uns heute ist, woher sollte man wissen welcher Quelle man Vertrauen schenken konnte? Daher war das Verhalten von Leuten wie denen an der Werkbank von Mauser sehr wichtig. Diese haben zwar effektiv kein einziges Menschenleben gerettet oder irgendein Leid verhindert. Aber sie sorgten dafür dass die Wahrheit, wenn auch nur ein klein wenig, weiter verbreitet wurde. Dies ist sehr vergleichbar mit meinem Eindruck der aktuellen Zeit. Unsere Demokratie ist längst nicht mehr so stark wie sie immer gelobt wird, sie besteht vor allem auf dem Papier und gerade die, welche sie während Feier- und Gedenkstunden nicht Müde werden zu loben verraten sie tagtäglich durch ihr gewissenloses Handeln. Was kann ein einfacher Mensch wie ich dagegen tun? Wählen allein reicht nicht. Aber mir geht es nicht anders als den Männern von damals (nur mir droht nicht die Todesstrafe), mir sind viele Mißstände bekannt, aber eine Lösung habe ich nicht. Aber auch ich finde es ist ein erster, wichtiger Schritt die eigenen Erkenntnisse über Mißstände und Mängel breitmöglichst weiterzusagen, den Wissen ist Macht. Wenn wir Pech haben ist das Wissen der Geheimdienste über unser Privatleben deren Macht über uns, wenn wir Glück haben ist das kollektive Wissen der Bürger auf der Straße unsere Macht über die hohe Politik.

Nach Ende des Krieges war Deutschland die Herstellung von Waffen verboten und sämtliche Mitarbeiter der Mauserwerke waren arbeitslos. Unter diesen befanden sich auch zwei Männer namens Herr Heckler und Herr Koch. Den Rest der Geschichte kann man sich denken, auch wenn mein Großvater damit nichts mehr zu tun hat, er begann stattdessen bei Bizerba in Balingen Waagen zu bauen. Die Herren Heckler und Koch dagegen schufen im neu aufflammenden Kalten Krieg ihr neues Waffenimperium. Kriege und Bedrohungen sind gut für das Geschäft. Dies war bis zur Wiedervereinigung Deutschlands nicht weiter problematisch, damals glaubten wir zumindest alle gutgläubig an die reale Bedrohung aus dem Osten. Seither allerdings jagt eine Wirtschaftsflaute ein Haushaltsloch und umgekehrt und mit der Rüstung der Bundeswehr und deren Partnerarmeen ließe sich das alte Erfolgsmodell nicht mehr aufrechterhalten. Aber weniger produzierte und verkaufte Waffen bedeuten daher auch weniger Arbeitsplätze. Also mussten neue Absatzmärkte erschlossen werden. Und was in der Sprache der Wirtschaft so harmlos klingt bedeutet in der Waffenbranche nichts anderes als in Krisengebiete, in Bürgerkriegsländer oder in Länder, welche die Werte von Demokratie und Freiheit in keinster Weise teilen, zu liefern. Interessanterweise seit dem Aufstieg von Volker Kauder zum Intimus von Angela Merkel spricht man hinsichtlich der Waffenexporte von der sog. „Merkel-Doktrin“. Das Volumen der in Deutschland produzierten Waffen hat sich in den letzten acht Jahren nicht nennenswert verändert. Allerdings der Anteil, welcher davon an Länder mit denen Deutschland kein Sicherheitsbündnis hat, exportiert wurde. Häufig taucht nun die Golfregion in der Exportstatistik auf. 70% aller Menschen sind, wenn sie direkt gefragt werden, gegen Krieg. Vermutlich ebenso viele sind auch gegen Waffenlieferungen in fragliche Länder. Daher wird seit einiger Zeit ganz vehement durch die Art und Weise der medialen Berichterstattung darauf hingewirkt das Bild bestimmter Länder zu verbessern, das von anderen zu verschlechtern. Besonders auffällig ist das am Beispiel von Saudi-Arabien. Merkel spricht von diesem Land als einer „regionalen Gestaltungsmacht“ und dann kommen so absurde Sätze wie „wenn wir keine oder weniger Deutsche Soldaten in die Krisenregionen dieser Welt senden wollen dann müssen wir an deren Stelle eben Deutsche Waffen dorthin senden“. Man hätte vor einem Jahr eben zu gerne die Leopard-Panzer dorthin verkauft. So wie das Bild von Saudi-Arabien gepuscht wird, so wird gleichzeitig das Bild des Irans gedrückt. Saudi-Arabien darf mit seiner Armee in seinen Nachbarländern einmarschieren um dort Demokratiebewegungen zu unterdrücken, denn irgendwo müssen unsere Waffen ja auch Anwendung finden. Wenn dagegen ein einfacher Hausmeister in Tehran, überspitzt ausgedrückt, einen Furz von sich gibt, befindet sich dies am nächsten Tag auf der Titelseite der Bildzeitung, das Auswärtige Amt gibt eine neue Reisewarnung heraus und die USA drohen sofort mit einer Verschärfung der Sanktionen. Es gibt in Deutschland eine eigene Behörde, welche international auch über hohes Ansehen verfügt, um problematische Exporte in unstabile Länder und Regionen zu überwachen und ggf. auch zu unterbinden. Es handelt sich hierbei um das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, kurz BAFA. Man ist dort durchaus bemüht jeden Exportantrag genau zu prüfen und man greift auch auf Erkenntnisse des BND zurück bevor gutgläubig eine Genehmigung erteilt wird. Das Problem ist die Unterordnung des BAFA unter das Wirtschaftsministerium. Und das Ministerium behält sich immer das letzte Wort vor, das BAFA macht im Grunde nur die Vorarbeit. Innerhalb des Ministeriums gilt die Exportabteilung mitunter auch als eine Schmuddelecke. Das BAFA kann Schreiben, Argumentieren, auf gespannte Sicherheitslagen verweisen, das Interessiert im Zweifelsfall keinen im Ministerium. Dort geht es nur um eine Frage: Wie viel Umsatz bedeutet der vorliegende Ausfuhrantrag und wie viele Arbeitsplätze sichert das. Je größer das Volumen, umso geringer die Wahrscheinlichkeit auf Ablehnung. So war dies zumindest bis jetzt, wo der Bereich Wirtschaft von der CSU (in Bayern sind ja auch nicht wenige Waffenhersteller beheimatet) und später von der FDP geleitet wurde. Das ist die sog. „Merkel-Doktrin“ in purster Form. Ob sich dies nun unter Gabriel ändern wird, werden wir sehen, zu optimistisch sollte man aber nicht sein. Die verlogene „Sicherheitspolitik“ des Westens, seine falschen Prioritäten bei der Auswahl seiner Partner und die ebenso falsche Stigmatisierung weiterer Länder, dies ist die politische Motivation dieses Blogs, denn „Stupor Mundi“ kann und darf sich nicht nur auf die schönen Seiten der politischen Werbeabteilung beschränken. Nur die Wahrheit ist wirklich ehrlich.

Ein Gedanke zu “Stupor Mundi – Das Staunen der Welt

  1. Bin begeistert , mein Vater hätte ihren Artikel geliebt ! Er war ein eben so grosser Bewunderer des Stupor Mundi, sogar ein so grosser, dass er mir, seinen ersten Sohn, den Namen Friedrich Roger gab. Sie sind also Urahne und ich Namensträger dieses faszinierenden Menschens.
    Vielen Dank für diesen tollen Bericht aus ihrem privaten Leben

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